Unsere Gesellschaft ist einem steten Wandel unterlegen. Durch das Internet und die Globalisierung hat sich dieser sogar noch beschleunigt. Dies hat selbstverständlich auch einen Einfluss auf unsere Schüler*innen, vielleicht sogar insbesondere auf diese. Um diese also im Unterricht vom Hocker hauen zu können, muss man schon mit besserem kommen als einem bloßen YouTube-Video. Aber ist dies überhaupt nötig? Müssen wir unseren Unterricht tatsächlich komplett unseren Schülern*innen anpassen?

Bereits in meinem Artikel „Abseits jeglicher Realität… – Die Wichtigkeit der Relevanz im Unterricht“ habe ich von der Realitätsnähe geschrieben, die in unserem Unterricht möglichst umzusetzen ist. Je näher die Unterrichtsinhalte unseren Lernenden sind, desto wahrscheinlicher wird sich das vermittelte Wissen auch bei diesen verankern. Heißt dies jedoch auch, dass nur noch das vermittelt werden sollte, was der Lebenswirklichkeit unserer Schüler*innen entspricht? 

Problematik: Lesen

Ein Faktor, der bezüglich dieser Fragestellung Zentrum vieler Diskussionen ist, ist das Lesen. Wie auch im deutschen Schulsystem gibt es auch an meiner Schule Leistungskurse, die in der Oberstufe zu belegen sind. Im Englischen bestand der Leistungskurs aus zwei Teilen: im ersten Jahr wurde speziell Kultur behandelt und im zweiten Jahr speziell Literatur. Und genau letzteres wurde nun gestrichen. Der Grund hierfür? Die Schüler*innen würden ja gar nicht mehr so gerne lesen…

Diese Entscheidung der Schulleitung ist den betroffenen Lehrkräften, die diese Kurse unterrichten, sauer aufgestoßen. Weil sich in der Gesellschaft eine zunehmende Tendenz abzeichnet, nicht mehr zu lesen, soll die Schule auch darauf reagieren? Besagte Lehrkräfte empfanden diese Handlungsweise als falsch. Und auch ich meine, dass die Begründung der Entscheidung genau der falsche Weg ist.

Realitätsnähe hat auch ihre Grenzen

So sehr zum Beispiel Kerncurricula in Deutschland (möglichst) Realitätsnähe von uns verlangen, so sehr sollte diese Forderung jedoch auch mit Vorsicht betrachtet werden. Selbstverständlich sollten unserer Unterrichtsinhalte so relevant wie möglich für unserer Schüler*innen sein. Nichtsdestotrotz sollte nicht alles andere abgeschafft werden, nur weil die Lernenden anderes in ihrem Privatleben bevorzugen. 

Wird also entschieden, keinerlei Literatur mehr im Unterricht zu verwenden, weil die Mehrzahl der Schüler*innen heutzutage nicht mehr so gerne liest, so wird hier, meiner Meinung nach, genau der falsche Weg eingeschlagen. Denn die Schule hat nunmal auch einen Bildungsauftrag. Dieser beinhaltet auch Aspekte, die die Schüler*innen eventuell nicht oder nur wenig aus ihrem Privatleben kennen. Sonst müssten die Lernenden ja auch gar nicht mehr zur Schule kommen, wenn sie dort nichts neues beziehungsweise etwas ihnen unbekanntes lernen würden.

Diejenigen, die gerne lesen, haben dieses Interesse an Büchern zumeist auch von zu Hause mitgegeben bekommen. Befindet sich im eigenen Umfeld niemand, der einen Hang zum Lesen hat, so wird das Kind wohl eher unwahrscheinlich ein ebensolches Interesse entwickeln. Wenn also die Literatur auch aus der Schule verbannt wird, dann diskriminiert man gleichzeitig auch diejenigen, die nicht so viel oder gar nicht mit Büchern zu tun haben.

Wer A sagt, muss auch B sagen…

Noch dazu haben die Schüler*innen, die einen Englischleistungskurs gewählt haben, sich ja schließlich auch bewusst für ein Arbeiten in dieser Sprache entscheiden. Sie wissen also bereits vorab, was auf sie zukommen wird. Wenn sie also einen Kurs wählen, der das Arbeiten mit literarischen Texten beinhaltet, so haben sie sich dem auch anzupassen. Nur, weil sie bereits ein gutes Niveau in der Sprache besitzen, heißt es nicht, dass sie nicht auch arbeiten müssen, um zu einer guten Note zu gelangen. 

Schule als Vorbereitung auf die Zukunft

Ich frage mich auch, wie die Schüler*innen in der Zukunft zurechtkommen sollen, wenn ihnen all das „erspart“ wurde, was sie vor Herausforderungen stellt oder stellen könnte. Wenn sie sich also in der Schule nicht mehr für einen längeren Zeitraum konzentrieren müssen, wie dies beim Lesen eines längeren Textes nötig ist, weil sie das im Privatleben auch nicht tun, dann werden sie im Rahmen ihrer Ausbildung oder ihres Studiums ihre Aufmerksamkeit wohl eher schlecht auf eine einzelne Sache richten können.

Wenn Punkte gestrichen werden, weil die Schüler*innen in ihrem Privatleben bestimmte Dinge weniger interessieren, so verhält sich die Schule ja eigentlich auch nur wie die „Rasenmähereltern“. Man räumt jegliche Hürde aus dem Weg, die den Erfolg des eigenen Kindes behindern oder erschweren könnte. Dabei ist es doch so wichtig, dass sich unsere Schüler*innen auch mal anstrengen müssen. Denn nur so können sie zu einem echten Erfolgserlebnis gelangen. 

Dieser Aspekt kann ihnen für ihre Zukunft helfen. Schließlich haben sie auch im Studium oftmals durchzuhalten, um zum Erfolg zu gelangen. Und auch oder speziell im Berufsleben wird dies von enormer Wichtigkeit sein. Denn, wenn einem ein Projekt vorgelegt wird, welches viel Konzentration benötigt, so kann man auch nicht gleich aufgeben, weil es einem zu anstrengend ist. Da ist Durchhaltevermögen vonnöten. Wenn man den Schüler*innen aber all das vor enthält, was sie privat nicht interessiert, so nimmt man ihnen bereits einen Teil der Vorbereitung auf ihre Zukunft.

Abschließend…

Aufgrund der genannten Aspekte finde ich es wichtig, unseren Unterricht nicht ausschließlich den Vorlieben unserer Schüler*innen anzupassen. Zwar sollten wir stetig versuchen, eine Sinnhaftigkeit in unseren Unterrichtsinhalten zu finden. Nichtsdestotrotz sollten diese auch so vielfältig wie möglich vermittelt werden. Dazu gehört jedoch auch das Lesen von Texten. Nur, weil die Mehrzahl der Lernenden nicht mehr so gerne liest, sollte die Literatur dennoch nicht aus dem Unterricht verbannt werden. 

Ein Teil der Schule besteht darin, unsere Lernenden auf die Zukunft vorzubereiten. Dazu gehört auch zu lernen, wie man durchhält, um ein Projekt abzuschließen, selbst wenn einem manches vielleicht nicht gefällt. So auch das Lesen von längeren Texten. Der Bildungsauftrag der Schule darf nicht dadurch zerstört werden, dass immer mehr versucht wird, unseren Schülern*innen das Leben zu erleichtern. In der Schule sollten auch Dinge gelehrt und gelernt werden, die im Privatleben nicht oder nur ungern gemacht werden. Die Schule darf sich nicht wie „Rasenmähereltern“ verhalten, die eventuelle Hürden aus dem Weg schaffen wollen, um ihren Kindern das Leben zu vereinfachen. 

Nicht zuletzt dürfen wir auch nicht vergessen, dass das Abitur zum Beispiel auch als „Hochschulreife“ bezeichnet wird. Die Schüler*innen sollen also zeigen, dass sie zu einer gewissen Reife gelangt sind. Wer aber gewisse Inhalte streicht, der nimmt ihnen auch Bildungsmöglichkeiten. Aus diesem Grund sollten die Unterrichtsinhalte zwar möglichst relevant sein, aber der Unterricht darf sich nicht ausschließlich an den Vorlieben unserer Schüler*innen im Privatleben orientieren. Dann würde die Schule ja auch ihren Sinn verlieren, da alles mit Relevanz bereits im Privatleben der Lernenden geschieht. 

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