Differenzierung, Digitalisierung, etc. All diese Aspekte sollen wir Lehrkräfte ideal umsetzen und uns dabei noch um jeden/n einzelne/n Schüler*in individuell kümmern. Dabei sollen wir noch einen realitätsnahen und möglichst vielfältigen Unterricht darbieten. Idealerweise sollen dabei viele interessante Methoden eingesetzt werden, um unsere Lernenden möglichst gut „bei der Stange“ zu halten. Klassenarbeiten und Klausuren sollen wir dann noch in einer gewissen Wochenanzahl (zwei bis drei Wochen) korrigiert zurückgeben. Noch dazu darf auch die Elternarbeit nicht vernachlässigt werden.

Welche Klassengröße ist die beste?

Wie, das klingt aber viel? Das kann ja gar nicht sein, denn sonst würde nicht immer wieder darüber gesprochen werden, dass die Klassengröße für den Lernerfolg unserer Schüler*innen völlig unerheblich sei. Ob es nun 25 oder 35 Schüler*innen pro Klasse sind, das sei ja völlig egal. Meiner Meinung kann diese Aussage nur von Menschen stammen, die entweder keinerlei Unterrichtserfahrung haben oder schon lange nicht mehr vor einer Klasse standen.

Ich verstehe schon, dass hinter dieser Aussage auch ein finanzielles Interesse steht. Je mehr Schüler*innen in einer Klasse, desto weniger Lehrkräfte müssen beschäftigt werden. Dies würde eine enorme Sorge vieler Schulen verringern. Denn je mehr ich im Internet unterwegs bin, desto mehr sehe ich, wie sehr Schulen händeringend nach Lehrkräften suchen. Dies gilt speziell für weniger beliebte Gegenden oder Schulformen. Was aber nicht beachtet wird, ist, dass die Umsetzung der vielen Forderungen an uns Lehrer*innen immer schwieriger wird, je mehr Kinder in einer Klasse sitzen.

Zeitmangel und die Forschung

Wer möchte, dass unsere Schüler*innen so weit wie möglich individuell gefördert werden, der muss uns Lehrpersonen aber auch genügend Zeit für diese zur Verfügung stellen. Je mehr Kinder aber in einer Gruppe sitzen, desto weniger steht uns davon für jede/n einzelne/n bereit. Da hilft es auch nicht, dass das Gros der in Deutschland durchgeführten empirischen Studien der letzten 100 Jahre kaum Belege dafür gefunden hat, dass die Klassenstärke zu beachten ist. Laut der meisten Untersuchungen hängt der Lernerfolg eines Kindes gar nicht so sehr von der Klassengröße ab und wenn, dann nur im Bereich der Grundschule (cf. Demmer 2009: 8).

Dem kann ich nur solange zustimmen, wie alle Lernenden sich optimal benehmen. Sobald sich in einer Klasse jedoch Kinder befinden, die häufig den Unterricht stören oder solche, besonders viel Unterstützung benötigen, dann geht die Gleichung nicht mehr auf. Denn dann kann eine Lehrkraft die zur Verfügung stehende Zeit nicht mehr gleichmäßig auf alle verteilen.

Selbstverständlich handelt es sich bei der Größe einer Klasse nicht um den alleinigen Faktor, der einen Lernerfolg der Lernenden garantiert. So wurde festgestellt, dass kleine Klassen „nur dann von Vorteil [sind], wenn es den Lehrer/innen und Schüler/innen gelingt, deren Potenzial auch im Unterricht zu nutzen, indem individuell unterrichtet und differenziertes und eigenständiges Lernen gefördert wird“ (ibid.). Meiner Ansicht nach sind derartige Befunde nur logisch. Natürlich kommt is nicht nur auf die Klassengröße an, da man die Zeit auch nutzen können muss. Deren Wichtigkeit deshalb aber herunterzuspielen, empfinde ich als falsch.

Die Klassenstärke zählt… zu einem gewissen Maße

Im Umkehrschluss bedeutet eine große Klasse selbstverständlich nicht automatisch, dass kein gutes Arbeiten möglich ist. Es kommt auch auf das Klassengefüge an. In manchen Klassen sitzen Elemente, die für ein unruhiges und manchmal sogar weniger angenehmes Klassenklima sorgen. Dies kann sich auch auf die anderen Schüler*innen auswirken. In diesem Fall kann eine Klasse egal welcher Größe arbeitsunwillig werden. 

Dennoch sind kleinere Klassen angenehmer, da mehr Zeit für alle zur Verfügung steht. Gerade im Fremdsprachenunterricht sollte ausreichend Zeit zur Verfügung stehen, damit alle genügend in der Fremdsprache sprechen können. Bei 45 Minuten für eine Schulstunde besteht dabei aber zum Teil kaum die Möglichkeit. Geschweige denn für etwaige Probleme. (Ich bin mir bewusst, dass an vielen Schulen vermehrt zu Doppelstunden tendiert wird. Dies ist aber nicht immer der Fall und auch nicht immer ist dies möglich.)

Hierfür gibt es auch Belege: „So hat die 2001 von der Kultusministerkonferenz in Auftrag gegebene DESI-Studie (Deutsch-Englisch-Schülerleistungen-International) gezeigt, dass kleinere Klassen im Englischunterricht mehr Kommunikationsmöglichkeiten bieten“ (ibid.: 13) Dies wirke sich auch „durchaus positiv auf das Hörverständnis von Schülern aus[…]“ (ibid.).

Belastbarkeit

Trotz all dieser Studien, die nur wenig Belege für einen Vorteil kleinerer gegenüber größerer Klassen gefunden haben, bin ich mit meiner Bevorzugung kleinerer Klassen nicht allein. Wie zuvor beschrieben, stoße ich bei meinen Internetrecherchen zunehmend auf Forderungen hiernach. Es darf auch nicht außer Acht gelassen werden, was das Unterrichten in großen Klassen mit uns Lehrkräften macht. Auch Studien haben festgestellt, dass für viele Lehrkräfte größere Klassen auch automatisch eine größere Belastung bedeuten (cf. ibid: 9).

Kritik an den bisherigen Studien

Die Broschüre, welche ich für meinen Beitrag hauptsächlich zu Rate gezogen habe, kritisiert jedoch auch, dass in den bisherigen in Deutschland durchgeführten Studien in der Regel gewisse Faktoren außer Acht gelassen werden. Denn schließlich dürfe nicht ignoriert werden, dass die Ergebnisse der Schüler*innen im Rahmen einer Untersuchung nicht das Resultat eines Jahres sind. Stattdessen sind diese „im allgemeinen Ergebnisse langjähriger Lernprozesse in und außerhalb der Schule“ (ibid.). Auch wird nicht in Betracht gezogen, wie die untersuchten Schüler*innen in den Vorjahren gelernt haben: „Manche Schüler haben vielleicht jahrelang in kleinen Klassen gelernt“ (ibid.).

Aus diesem Grund äußert sich besagte Broschüre äußerst kritisch hierzu: „Wer all diese Randbedingungen ignoriert, braucht sich über schwache, nicht signifikante Wirkungen der Klassengröße auf die Schülerleistungen nicht zu wundern“ (ibid.). Somit kann auf Grundlage der Befunde in keiner Weise belegt werden, inwiefern sich die Klassengröße auf das Lernen von Schülern*innen auswirkt (cf. ibid.). Das letzte Wort ist somit noch nicht gesprochen. Zusätzlich haben letzte Studien auf internationaler Ebene zunehmen gegenteilige Befunde festgestellt: Sie sehen die Klassenstärke sehr wohl als einen Faktor, der sich auf die Leistungen der Lernenden auswirken kann (cf. ibid.: 16).

Abschließend…

Egal wie viele Studien einen Einfluss der Klassenstärke auf den Lernerfolg unserer Schüler*innen widerlegen, meiner Meinung nach sind kleinere Klassen lernförderlicher für die Lernenden. Ich habe mehr Zeit für die einzelnen Schüler*innen und kann auch bei Problemen besser eingreifen. Es kann natürlich auch eine persönliche Vorliebe sein, dass ich mich in kleineren Gruppen wohler fühle. Ich kann mich zudem nicht davon frei machen, dass ich in meinem Unterricht gerne die Dinge unter Kontrolle haben möchte. Das kann selbstverständlich auch ein Grund für meine Bevorzugung kleinerer Lerngruppen sein. Dennoch habe ich das Gefühl, dass ich in derartigen Gruppen mit weniger Kindern mehr bewirken kann. Ich habe mehr Zeit für Fragen und kann die Redezeit pro Schüler*in leichter erhöhen.

Leider liegt es aber nicht an einer einzelnen Person wie mir, wie über die Klassenstärke entschieden wird. Im Endeffekt sind Geld und das zur Verfügung stehende Personal ausschlaggebendere Punkte für diese Entscheidung. Ich würde mir aber wünschen, dass bei Beschlüssen über Klassengrößen auch die einzelnen Notwendigkeiten der Fächer stärker in Betracht gezogen würden. Natürlich kann ich nur für die Fremdsprachen sprechen, aber in diesen ist es auf jeden Fall nötig, sich ausreichend zu äußern. Ich sage immer „Sprache kommt von Sprechen“. Wer also nicht ausreichend spricht, der kann in der Sprache weniger vorankommen, selbst dann, wenn der Mensch ein gutes Verständnis der Sprache hat und ein gutes Ausdrucksvermögen im Schriftlichen besitzt. 

Schauen wir also, wie sich die Klassenstärken in der Zukunft entwickeln werden. Die Befunde bisheriger Untersuchungen sind ja nicht allzu vorteilhaft, wenn man kleinere Klassen bevorzugt. An meiner Schule soll sich bezüglich der Klassengröße auch im nächsten Schuljahr schon wieder einiges ändern. Bleibt abzuwarten, was diese Entwicklung mit sich bringen wird.

Abbildungsverzeichnis:

  • Abbildung 1: eigene Darstellung

Literaturverzeichnis:

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