Probleme mit Smartphones im Unterricht

Handys im Unterricht

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe immer wieder mit dem Problem zu kämpfen, meine Schüler*innen zur Einhaltung der Regel „Handyverbot“ im Unterricht zu bewegen. Immer wieder muss ich beobachten, wie einige Schüler*innen lange und konzentriert in ihre Tasche schauen. Dass sie dabei nicht auf ihre Schulmaterialien starren, ist offensichtlich. Was ihre Aufmerksamkeit da so stark auf sich zieht ist in 99% der Fälle ihr Handy. Ich hatte sogar schon einen Fall, in welchem sogar das Licht des Bildschirms durch die Tasche schien…

Ermahnt man die betroffenen Personen daraufhin, reagieren diese oftmals sogar mit Unverständnis. Das stimme ja gar nicht. Sie hätten nur nach etwas gesucht. Selbstverständlich… Diejenigen, die ihr Handy aus der Hosentasche zücken und den Bildschirm betrachten, wollten auch „nur mal eben die Zeit checken“. Natürlich… Schüler*innen, die eine Smartwatch besitzen und den Bildschirm lange betrachten, zeigen auch gerne den Bildschirm, auf dem man dann natürlich nur noch die Zeitanzeige sieht, um einem zu zeigen, dass es nur um die Kontrolle der Zeit ginge. Ja klar…

Dabei können Smartphones grundsätzlich ja auch Vorteile für den Unterricht mit sich bringen. Schließlich gibt es ja auch hilfreiche Applikationen und Funktionen, die sich hervorragend im Klassenzimmer einsetzen lassen. Die Crux ist dabei allerdings, die Schüler*innen dazu zu bringen, sich ausschließlich auf diese lernförderlichen Werkzeuge zu konzentrieren und nicht noch Benachrichtigungen anderer Apps Beachtung zu schenken. Es wird ja auch immer wieder gepredigt, wie wichtig das Wissen über den richtigen Umgang mit Medien ist.

Bei all diesen negativen Fallen beim Handygebrauch im Unterricht frage ich mich, ob das Handy nun eher als Hilfe oder als Hemmnis zu erachten ist. Zuletzt habe ich mich diesbezüglich viel mehr geärgert und die Erlaubnis der Handynutzung seitens der Schüler*innen so gering wie möglich gehalten.

Mangelhafte Maßnahmen

Vormals hieß es oft, dass man auf den unerlaubten Gebrauch des Handys hin dieses einsammeln sollte. Diese Maßnahme funktioniert allerdings oftmals doch nur begrenzt. Das verordnete Nachsitzen daraufhin hat auch seine Grenzen. Gleichzeitig weiß ich, dass man es nicht einfach so dabei belassen darf. Mich ärgert es oft, dass andauernd die privaten Nachrichten im Rahmen des Unterrichts gecheckt werden. Ich empfinde es aber auch als ermüdend, wenn ich andauernd wie ein Schießhund auf jegliche Griffe in die Schul- oder Hosentasche sowie an das Handgelenk achten muss. Die Ideallösung habe ich diesbezüglich aber noch nicht entdeckt.

Das Handy als Hilfsmittel

Gleichzeitig kann das Handy auch ein hilfreiches Mittel für den Unterricht sein. Ich musste keine Wörterbücher mehr mit mir herumschleppen, sollte im jeweiligen Klassenraum keine Aufbewahrmöglichkeit bestehen. Zudem mussten die Schüler*innen nicht mehr jedes Wort nachfragen. Stattdessen konnten sie quasi mit einem Blick auf ihren Display das Wort ganz einfach selbst herausfinden. 

Auch gibt es ganz tolle interaktive Möglichkeiten für den Unterricht, bei denen der Einsatz der Handys sogar Voraussetzung ist. So gibt es Quiz-Seiten, die wie eine Art „Wer wird Millionär?“ funktioniert. Eine Frage wird an die Tafel angeworfen und dabei auch vier Antwortmöglichkeiten angezeigt. Die Schüler*innen müssen dann auf ihrem Handy die ihrer Meinung nach richtige Antwort auswählen. Dabei geht es nicht nur um Wissen, sondern auch um Schnelligkeit. Denn wenn zwei Personen die gleiche Anzahl an Antworten richtig erraten hat, so gewinnt die schnellere von beiden. Interessant ist bei solchen Apps, dass alle Schüler*innen mitspielen können. Auf diese Weise kann der Unterrichtsstoff auf animierende Art wiederholt oder geübt werden.

Eine Ursachenforschung

Gerade in den letzten Schulstunden habe ich mich allerdings häufig über einige Schüler*innen geärgert. Durch Zufall bin ich dann auf einen Artikel gestoßen, der sich genau diesem Thema der Handynutzung im Unterricht widmet. (Hier geht es zum Artikel: „The Case for Making Classrooms Phone-Free“.) In diesem schreibt der Autor und Lehrer für Sprachunterricht Tyler Rablin über seine diesbezüglichen Erfahrungen. Viele Aspekte, die der Autor hier anspricht, waren mir nicht bewusst. Die Situation des unerlaubten Handygebrauchs im Unterricht wird hierdurch zwar nicht erfreulicher, aber zumindest lässt sich diese besser verstehen.

Benachrichtigungen als Störfaktor

Rablin beschreibt, dass er noch vor einigen Jahren ein Verfechter des Einsatzes von Handys im Unterricht war. Er empfand diese als großartige Möglichkeit für das Arbeiten und Lernen im Unterricht. Doch auch er ist inzwischen davon abgewichen. Grund hierfür ist, dass die Schüler*innen, sobald sie ihr Handy in die Hand nehmen, sofort mit Benachrichtigungen aus allen möglichen Bereichen, sowohl von Freunden und Familie als auch von Apps, „bombardiert“ werden. Dabei empfindet der Autor diese Benachrichtigungen als kontraproduktiv für das Lernen. Denn in der Regel sind es nicht die lernförderlichen Hilfsmittel und Apps, die aktiv versuchen, die Aufmerksamkeit der Lernenden auf sich zu ziehen, sondern Apps, die für Ablenkung sorgen wie TikTok, Instagram und so weiter.

Das Hauptproblem ist hierbei, dass wir unsere Schüler*innen, sobald wir ihnen die Möglichkeit bieten, ihre Telefone im Rahmen des Unterrichts in die Hand zu nehmen, einer großen Versuchung aussetzen. Der, auf diese Benachrichtigungen zu reagieren. Dabei gelingt es ihnen immer weniger, dieser zu widerstehen. Denn schließlich stellen diese Geräte immer mehr einen Teil unseres Lebens dar. Der Autor stellte fest, dass es sich beim Gebrauch des Smartphones nämlich nicht mehr um eine bewusste Entscheidung handelt, so wie er dies in der Vergangenheit betrachtete, sondern um eine Gewohnheit. Für viele Schüler*innen handelt es sich hierbei sogar um eine unkontrollierbare Gewohnheit. Vielen Erwachsenen geht es ja schließlich auch so.

Endliche Willenskraft

Der Autor bezieht sich in seinem Artikel auch auf das Buch „The Willpower Instinct“ (Zu Deutsch: Der Willenskraft-Instinkt) der Gesundheitspsychologin und Dozentin an der US-Amerikanischen Stanford University Kelly McGonigal. In diesem schreibt McGonigal dass es echter Willenskraft bedarf, Gewohnheiten wie das Checken von Benachrichtigungen zu unterdrücken oder sogar abzulegen. Sie drückt aus, dass es sich bei unserer Willenskraft um eine begrenzte Ressource handelt. Diese schwindet, je öfter wir diese gebrauchen. Je öfter wir also unsere Lernenden darum bitten, diese einzusetzen, umso schwerer wird ihnen das beim nächsten Mal fallen. 

Tatsächlich wurde festgestellt, dass durch die Benachrichtigungen unseres Smartphones Dopamin generiert wird. Dieser Botenstoff „vermittelt motivations- und antriebssteigernde Effekte“ (Clanner-Engelshofen 2021). Von diesem sind unsere Lernenden gewissermaßen abhängig. Und obwohl der Prozess des Lernens viel mehr Befriedigung gibt, bevorzugen die Schüler*innen oftmals das Kontrollieren des Handys, da hierdurch die Befriedigung schneller erfolgt. Noch dazu benötigen sie immer mehr die sofortige Bestätigung beziehungsweise Erfüllung.

Mehr zum Thema Willenskraft als limitierte Ressource finden Sie auch in meinem Artikel: „Die Superkraft des 21. Jahrhunderts – Teil IV“.

Gibt es eine/n Schuldige*n?

Vielfach meinen Menschen, dass das Schulcurriculum als Gegenmittel einfach ansprechender gestaltet werden müsste. Die Schüler*innen würden dann automatisch nicht mehr ihre Handys in die Hand nehmen wollen. Auch ich habe bereits derlei Aussagen gehört und genau wie Rablin empfinde ich dies als frustrierend. Dieser sagt deutlich: „my lesson can‘t compete with the latest game that just came out“. (Zu Deutsch: Meine Unterrichtsstunde kann nicht mit dem neuesten Spiel konkurrieren, dass zuletzt erschienen ist.) Die alleinige Verantwortung auf die Lehrkräfte zu schieben ist, seiner und meiner Meinung nach, unfair. Schließlich sehen wir die Lernenden nur eine gewisse Zeit pro Woche. Wir wissen nicht, wie die Handynutzung zu Hause bei ihnen gehandhabt wird.

Rablins Entscheidung

Da Rablin, seiner Aussage nach, ausschließlich das kontrollieren kann, was in seinem Klassenraum geschieht, hat er für das folgende Schuljahr deshalb beschlossen, Handys vollkommen aus seinem Unterrichtsgeschehen zu verbannen. Vor Betreten des Klassenzimmers sollen die Schüler*innen ihr Handy bei dem Lehrer abgeben und erst zum Stundenende erhalten sie dieses wieder zurück. Dabei lässt er sich auch nicht von eventuellen Beschwerden seitens der Schüler*innen und eventuell auch einiger Eltern von dieser Entscheidung abhalten. Denn es ist nun einmal Fakt, dass sich die stetige Zunahme der sozialen Medien und Technologien, die die Aufmerksamkeit unserer Schüler*innen auf sich zu ziehen versuchen, schädlich auf das Lernen auswirkt. 

Er sagt: „If I want my students to have a shot at being successful, I have to support them in breaking this habit and in pursuing more meaningful avenues to find connection, self-worth and success.“ (Zu Deutsch: Wenn ich möchte, dass meine Schüler*innen eine Chance haben, erfolgreich zu sein, muss ich sie dabei unterstützen, mit dieser Gewohnheit zu brechen und sinnvollere Wege zu gehen, um Anschluss, Selbstwert und Erfolg zu finden.) Auch hat er diese Entscheidung gefällt, um den Spannungen entgegen zu wirken, die aus dem unerlaubten Gebrauch des Smartphones im Unterricht resultierten. Denn jegliches Ermahnen, jegliche Verträge und bestrafende Konsequenzen haben in seinem Fall keinerlei positive Resultate gebracht. 

Fazit

Abschließend kann ich auf die Eingangs gestellte Frage, ob es sich beim Handy um eine Lernhilfe oder um ein Hemmnis für das Lernen handelt, nur mit „beides“ antworten. Es gibt schöne Apps und Programme, die sich ideal in den Unterricht integrieren lassen. Leider fällt es unseren Schülern*innen immer schwerer, sich lediglich auf diese zu konzentrieren, ohne auch noch auf Benachrichtigungen privater Natur zu reagieren.

Wie aus dem Artikel Rablins mitsamt der Erkenntnisse McGonigals hervorgeht, wirkt sich dies sehr negativ auf das Lernen aus. Dem Bestreben nach sofortiger Befriedigung durch den Blick auf das Handy zu widerstehen, wird immer schwerer. Somit kann des Handy in diesen Fällen nur als kontraproduktiv für das Lernen erachtet werden. 

Zwar empfinde ich es als kompliziert, die Handys an der Klassentür einzusammeln, da es dabei ja auch zu Problemen kommen kann. So könnte jemand unbemerkt das Handy einer anderen Person mitnehmen. Dennoch erachte ich diese Methode als eine gute Idee. Denn, wenn das Handy gar nicht erst griffbereit ist, kann auch gar nicht der Blick auf dieses geschehen. Meiner Meinung nach kann dies vieles für uns Lehrkräfte vereinfachen. Schließlich ist dies, neben dem Lernerfolg der Schüler*innen, ein zentraler Aspekt. Die lernförderlichen Apps können Schüler*innen ja auch zu Hause verwenden, wo wir sie nicht beaufsichtigen müssen.

Und Sie?

Mich würde interessieren, wie Sie mit Handys in Ihrem Unterricht umgehen. Setzen Sie diese aktiv ein? Was sind Ihre Regeln? Wie gehen Sie damit um, wenn Ihre Schüler*innen diese missachten? Was halten Sie von Rablins Entscheidung, Handys komplett aus dem Unterrichtsgeschehen herauszuhalten?

Schreiben Sie mir gerne als Kommentar oder als direkte Nachricht. Ich würde mich sehr freuen.

Abbildungsverzeichnis:

Literaturverzeichnis:

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