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Diese Woche hat ja das Ergebnis der letzten PISA-Studie, das am 05.12.2023 vorgestellt wurde, für äußerste Furore gesorgt. Nicht nur in Deutschland kochen die Emotionen mal wieder hoch angesichts des schlechten Ergebnisses der deutschen Lernenden in diesem Test. Insbesondere Frankreich ist voller Aufruhr ob des schlechten Abschneidens der eigenen Schüler*innen (Platz 23, noch hinter Deutschland).

Abbildung 1: Ein Ausschnitt der Rangliste mit Schwerpunkt auf die Positionierung Frankreichs

Gibt man diesbezüglich die Suchbegriffe classement, PISA, France, 2023 in die Suchmaschine ein, so werden einem direkt Begriffe wie chute historique (= historischer Absturz), dégringoler (= abstürzen) und s‘effondrer (= zusammenbrechen) entgegengeschleudert. Dies sind alles Ausdrücke für ein besonders starkes Absinken des Leistungsniveaus. Die gewählten Begrifflichkeiten sind dabei wie so oft effekthascherisch gewählt. Dennoch lässt sich eine deutliche Verschlechterung des Ergebnisses nicht leugnen.

Maßnahmen

Und natürlich ist auch die Politik von diesem Ergebnis nicht unberührt geblieben. Der Bildungsminister Frankreichs, Gabriel Attal, hat daraufhin einen Maßnahmenkatalog vorgestellt. Unter anderem ließ er in seiner Rede vom 05. Dezember 2023 verlautbaren, dass er die Lehrpläne umkrempeln wolle. Diese Umstellung solle in zwei Jahren erfolgen. Speziell bezieht sich dies auf den Matheunterricht. In der vergangenen Studie wurde nämlich konstatiert, dass diese Kategorie – neben der Lesekompetenz – besonders problematisch ist. (Das mit der Lesekompetenz wird bei uns an der Schule bereits seit ein paar Monaten heiß diskutiert.)

Allerdings solle auch das Programm der Fremdsprachen überarbeitet werden. Das ist natürlich für mich als Englischlehrkraft, die im französischen Schulsystem unterrichtet, von besonderem Interesse. Es solle nun direkt vorgeschrieben werden, was die Schüler*innen zu lernen haben. Dies bezieht sich auf Thematiken, grammatikalische Punkte und den Wortschatz, der jedes Jahr beherrscht werden solle. Also so ungefähr das, was in Deutschland schon seit vielen Jahren gang und gäbe ist: ein (Kern-) Curriculum, welches landesweit gilt. Stichwort: Bildungsstandards.

Veränderung kann schwer sein

Natürlich gibt es Stimmen, die dies als puren Reaktionismus verteufeln. Solcherlei Reaktion kennen wir ja aber bereits. Wann immer Reformen angekündigt werden, kommt es zu Gegenkritik. Dass aber etwas getan werden muss, scheint doch allen klar zu sein. Selbstverständlich ist Veränderung nicht immer leicht. Als wie schwierig sich das Ganze jedoch erweisen könnte, darüber hat mich gestern eine Kollegin aufgeklärt. Sie meinte, dass Lehrer*innen in Frankreich gewohnt seien, sehr frei zu arbeiten. Sich dabei etwas vorschreiben zu lassen, passt ihnen in der Regel gar nicht in den Kram. Aus diesem Grund gab es anscheinend auch bisher keinerlei Curriculum.

Meine Anfänge im französischen Schulsystem…

Als dieses Wort fiel, fühlte ich mich schlagartig an meine Anfangszeit im französischen Schulsystem erinnert. Denn, obwohl ich in der Elfenbeinküste unterrichte, gehöre ich dem französischen Schulsystem an, da es sich bei meiner Schule um eine französische Auslandsschule handelt. Zu Beginn meiner Zeit an dieser Schule fühlte ich mich erstmal ganz schön hilflos, denn auf die Frage hin, wo ich denn das Curriculum fände, wurde mir das Lehrbuch entgegengehalten. Wie ich das Ganze umsetzen würde, war dann ganz allein mir überlassen.

Dadurch verlief das erste Jahr an dieser Schule mehr als holprig. (Natürlich gab es auch noch weitere Stolpersteine.) Ohne den „Fahrplan“ Kerncurriculum, der die notwendige Struktur vorgibt, war ich doch (etwas) unsicher. Die beiden Schulsysteme – das deutsche und das französische – unterscheiden sich doch recht stark voneinander. Dadurch, dass das französische Schulsystem in den Fremdsprachen jedoch recht viele Freiheiten lässt, konnte ich die mir bekannte Arbeitsweise aus dem deutschen Schulsystem in vielerlei Hinsicht übernehmen. Das half mir. Dennoch funktionierte natürlich nicht alles so reibungslos, wie man sich dies immer wünscht.

… und meine Reaktion

Und so entwickelte ich mir selbst eine Art Plan. Mittlerweile habe ich mich auch mit Kollegen – ja, ausschließlich Herren – zusammengesetzt und versucht, in das Unterrichten in unserer Stufe – es handelt sich dabei um die 9. Klassenstufe – einigermaßen Struktur reinzubringen. Für mich funktioniert das auch recht gut. Allerdings halten sich wie immer nicht alle daran. Das kann natürlich nie ausgeschlossen werden, aber dennoch so ungefähr zu wissen, welche Inhalte über das Schuljahr hinweg vermittelt werden sollten, finde ich persönlich auf jeden Fall sehr hilfreich.

Von der Freiheit zum Käfig. Wirklich?

Worauf mich meine Kollegin hinwies, ist der Punkt, dass es natürlich nicht klar sei, wieviel Zeit es brauchen würde, bis sich die französischen Lehrer*innen an diese Veränderung gewöhnt oder sich dieser zumindest angepasst hätten, dass es jedoch dringend nötig wäre, Struktur in das System zu bringen.

Natürlich ist eine derartige Struktur nicht die Wunderwaffe gegen ein schlechtes Abschneiden bei Tests wie PISA. (Davon mal abgesehen, dass dieser Test in der vergangenen Zeit ja auch viel kritisiert wurde.) Deutschland, welches ja schon seit vielen Jahren mit landesübergreifenden Curricula arbeitet, schnitt in vergangener Zeit ja auch nicht besonders gut ab. Nichtsdestotrotz ist eine verbesserte Struktur oder insgesamt eine strukturiere Wissensvermittlung garantiert förderlich. Vor allem auch um sicherzugehen, dass das Wissen im Fremdsprachenunterricht deutlich aufeinander aufbaut und so auch für die Schüler*innen eine klarere Struktur zu erkennen ist.

Schauen wir also mal, wie sich diese angekündigte Reform in der Realität dann auswirken wird. Ich bin auf jeden Fall gespannt darauf und versuche, nicht zu viel an die Probleme zu denken, die mit dieser Reform garantiert einhergehen werden.

Abbildungsverzeichnis:

Quellenverzeichnis:

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