Ein neues Projekt

Austausch als Chance

Diese Woche möchte ich einmal von einem, meiner Meinung nach, recht außergewöhnlichen Projekt sprechen, welches nun an meiner Schule ins Leben gerufen wurde. Außergewöhnlich ist es zumindest für meine Arbeitsstätte. Soweit ich gehört habe, ist ein solches auch an anderen Schulen nicht unbedingt gang und gäbe. Zudem handelt es sich hierbei, wie ich finde, um eine sehr positive Entwicklung. Und zwar haben zwei Kolleginnen – eine unterrichtet Englisch, die andere Französisch – zu Beginn dieses Schuljahrs eine „Gruppe für den Austausch von Praktiken“ ins Leben gerufen.

Der Unterrichtsbesuch

Ziel dieser Gruppe ist es, dass je zwei Lehrer*innen pro Monat gegenseitig einer Unterrichtsstunde beiwohnen. Besonderes Augenmerk soll hierbei auf den Umgang der Lehrkraft mit den Lernenden und der der Lernenden untereinander gelegt werden. Des Weiteren soll der Effizienz der Unterrichtsaktivitäten Aufmerksamkeit geschenkt werden. Im Rahmen der Beobachtung des Umgangs der Schüler*innen untereinander sollen aber auch mögliche Unterrichtsstörungen notiert werden sowie die Reaktion der Lehrkraft auf mögliche Unruhestifter*innen.

Die Kombination der Lehrpersonen, die sich gegenseitig besuchen, wechselt monatlich. Auf diese Weise kann ein besseres Gesamtbild entstehen. Zudem hat jeder Mensch ja doch individuell noch seine ganz eigene Anschauungsweise.

Die Auswahl der Gruppenmitglieder

Schon beim Gedanken daran, dass jemand in den eigenen Unterricht kommt, um einfach nur zuzugucken, wird vielen Lehrkräften schon etwas mulmig zumute. In der Regel wird dann an einen problematischen Unterricht gedacht. Sicherlich möchte niemand, dass eine andere (erwachsene) Person anwesend ist, während einem der Unterricht völlig entgleist oder man in all dem Trubel einer chaotischen Klasse plötzlich gar nicht mehr weiß, wo oben und unten ist.

Auch herrscht unter den Lehrkräften an meiner Schule nicht immer so ein angenehmes Arbeitsklima. Davon habe ich auch bereits zuvor berichtet. Dementsprechend kann ich mir ebenso vorstellen, dass viele Angst davor haben, dass manche Lehrpersonen dies als Chance betrachten könnten, die andere Person anzuschwärzen oder niederzumachen. Gerade aus diesem Grund haben die beiden Gründerinnen der Gruppe die ersten Mitglieder sehr sorgfältig ausgewählt. Derzeit sind wir mit den beiden Gründungsmitgliedern sechs Personen.

Die erste Zusammenkunft

Onlinemeeting

Als Einleitung der ersten Zusammenkunft online haben die beiden Gründerinnen ausgeführt, dass es speziell darum geht, wie man das eigene Agieren im Unterricht verbessern kann. Denn es stellen sich nicht wenige die Frage, warum die Schüler*innen so wenig Interesse am eigenen Unterricht haben, obwohl man das ganze Wochenende an dessen Vorbereitung gesessen hat. Neben der generellen Organisation dieses neuen Projekts haben wir ebenfalls gemeinsam analysiert, was wir individuell sowohl unter Unterrichtsstörungen als auch unter einem erfolgreichen Unterricht verstehen. Im Groben und Ganzen stimmten wir hierbei überein.

Mich hat eine der beiden Gründerinnen speziell eingeladen, da sie sich noch an meine Anfänge an der Schule und im französischen Schulsystem vor drei Jahren erinnern kann. Zu der Zeit war sie Koordinatorin des Englischbereichs der Oberstufe (nach einer zweijährigen Pause hat sie diesen Posten nun erneut inne) und ich stellte ihr einen riesigen Haufen an Fragen. Denn nicht nur waren die inhaltlichen Anforderungen des französischen Schulsystems für mich Neuland. Nein, auch bezüglich der Konsequenzen für ein Fehlverhalten seitens der Schüler*innen brauchte ich unbedingt Hilfe.

Diejenigen, die meinen Artikel der vergangenen Woche gelesen haben („Von Chaos und Classroom Management“), wissen bereits, dass ich auch heute noch Probleme bezüglich des Classroom Managements habe, insbesondere dann, wenn es sich um eine stark herausfordernde Klasse handelt. 

Ängste und Hoffnungen

Hoffnungen und Ängste

Ehrlich gesagt, ist mir schon etwas mulmig zumute, da es sich bei der Lehrerin, die mich als zweites besuchen wird, um eben diese Gründerin handelt, die mich eingeladen hat. Zwar habe ich sie noch nicht in ihrem Unterricht erlebt, aber das, was ich von ihrem Umgang mit den Schülern*innen mitbekommen habe, wie sie diesen gegenüber auftritt, wie diese sich ihr gegenüber verhalten und wie effizient ihre Unterrichtsvorbereitung ist, reicht mir, um stark von ihr beeindruckt zu sein. Für mich ist sie schon eine Art Vorbild. Innerlich habe ich diese Gedanken, dass ich, wenn ich in meinem Unterricht so wie sie auftreten könnte, weniger Probleme hätte.

Noch dazu hat sie vorgeschlagen, sie könnte doch in meine derzeit schlimmste Klasse kommen. Als ich die E-Mail mit dieser Anfrage las, rutschte mir erstmal das Herz in die Hose. Wenn man sowieso schon enorme Probleme mit einer Klasse hat und man mit diesem Problem nicht einmal alleine ist (allen Lehrkräften in dieser Klasse geht es ähnlich), so fällt es nicht leicht, noch dazu eine Person im eigenen Unterricht willkommen zu heißen, die einen vor dieser Klasse kämpfen – und eventuell sogar versagen – sehen wird. Noch dazu hat mich die Lehrerin noch nie im Unterricht gesehen. Und dann wird sie dies ausgerechnet in dieser Klasse das erste Mal tun…

Gleichzeitig meinte die Kollegin aber, dass sie diese Klasse ausgewählt hat, eben weil es dort so problematisch abläuft. Und deshalb habe ich neben meinen Ängsten auch große Hoffnungen, dass sie mir weitere Tipps geben könnte, wie ich in dieser Klasse endlich Licht am Ende des Tunnels sehen können werde.

Fazit

Trotz meiner persönlichen Ängste, mich vor Kollegen*innen blamieren zu können, blicke ich auch mit einer gewissen Vorfreude auf dieses Projekts. Es ist spannend, auch mal in den Unterricht anderer Lehrkräfte schnuppern zu können. Das habe ich mir unterschwellig schon seit einer recht langen Zeit gewünscht. In Zukunft werde ich also berichten, wie sich dieses Projekt entwickeln wird und wie meine persönlichen Erfahrungen sein werden.

Abbildungsverzeichnis:

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