Die individuelle Arbeitshaltung

Genau wie jeder andere Betrieb, setzt sich auch das Lehrerkollegium aus unterschiedlichen Menschen zusammen. Dabei ist deren Arbeitshaltung selbstverständlich genauso verschieden. Manche bevorzugen für sich allein zu arbeiten. Andere hingegen ziehen dem ein Arbeiten im Team und den regen Austausch von Materialien und Ideen vor. Und dann gibt es eine dritte Gruppe, bei der es sich (in der Regel) um eine Minderheit handelt: die der „Wissensschnorrer*innen“. Im folgenden geht es darum, um wen ich sich hierbei handelt und wie man mit diesen Menschen umgeht.

„Wissensschnorrer*innen“ – eine Definition

Bevor ich mich weiterhin hierzu äußere, ist es, meiner Ansicht nach, nötig, den hier gewählten Ausdruck zu definieren. Unter „Wissensschnorrern*innen“ – mitunter werden sie auch als „Wissensschmarotzer*innen“ bezeichnet – verstehe ich Menschen, die stetig von den Arbeiten anderer zu profitieren streben. Das kann zum Beispiel durch das stete Fragen nach Materialien geschehen. Häufige Fragen des/der „Wissensschnorrers*in“ sind beispielsweise: „Das Material gefällt mir. Kannst du mir das nicht mal zuschicken/kopieren?“ oder „Wenn du damit fertig bist, kannst du das dann mit mir teilen?“ oder so ähnlich. 

Würde es sich bei derartigen Fragen um eine einmalige Sache oder eine Seltenheit handeln, so wäre dagegen grundsätzlich nichts auszusetzen. Sobald sich diese jedoch häufen und man sich stetig als der/die Dumme fühlt, der scheinbar immer wieder „für zwei“ arbeitet, und sich der/die „Wissensschnorrer*in“ nie revanchiert, so empfiehlt es sich doch, auch mal zu reagieren. Sonst wird dies ewig so weitergehen. 

Wie begegnet man „Wissensschnorrern*innen“?

Selbstverständlich handelt es sich hierbei, um ein etwas heikles Thema. Da einem im Verlauf der eigenen Karrierere jedoch auch Menschen mit einer negativen Arbeitshaltung begegnen können, sollte auch dieser Aspekt nicht außer Acht gelassen werden. 

Insgesamt gilt es, vorsichtig vorzugehen. Es gibt wohl kaum etwas, das schlimmer ist, als jahrelang mit einer Person zusammenzuarbeiten, mit der man es sich ordentlich verscherzt hat. Manch einem/r wird dies nichts ausmachen, aber ich kann mir vorstellen, dass dies nicht allen Menschen so geht. Ich fände diese Vorstellung auf jeden Fall furchtbar. 

Wie begegnet man also Menschen, die sich stetig die Arbeit anderer zu Nutzen machen möchten? 

1. Freundlich aber bestimmt ablehnen

Anstatt auf Ausweichmanöver zurückzugreifen, lohnt es sich allgemein, auch mal abzulehnen. Die Frage ist diesbezüglich, wie man dies am besten tut. 

Der Ton macht die Musik

Wie immer macht auch hier der Ton die Musik: Schauen Sie also, dass Sie eine Bitte nicht brüsk zurückweisen. Schließlich kann es auch Ihnen mal so gehen, dass Sie um etwas bitten möchten – auch den/die „Wissensschnorrer*in“. Nach einer unfreundlichen Zurückweisung dürften Sie sich nicht wundern, wenn die betroffene Person Ihnen gegenüber ebenso reagiert. Bleiben Sie also stets freundlich, sachlich und respektvoll, wenngleich bestimmt, um etwaigen Spielraum für Diskussionen zu verhindern. Zeigen Sie Ihrem Gegenüber deutlich, dass Sie nicht die Person sondern die Bitte zurückweisen (cf. Fleig 2021). Wie in meinem Artikel „Das Problem mit dem Nein-sagen“ bereits erwähnt, muss Ihre ablehnende Antwort nicht das Wort „Nein“ beinhalten. 

In ebendiesem Artikel habe ich auch beschrieben, dass Sie sich zusätzlich für das in Sie gesetzte Vertrauen bedanken können. Mit einer derartigen Reaktion nehmen Sie „Wissensschnorrern*innen“ schnell den Wind aus den Segeln. Schließlich bleiben Sie professionell und tun die Bitte nicht brüsk ab. Beispielsweise könnten Sie sagen: „Danke, dass du dabei an mich gedacht hast und Vertrauen in meine Arbeit setzt. Jedoch kann ich deiner Bitte nicht nachgehen.“ Sie können aber auch Verständnis für den/die Bittsteller*in zeigen: „Ich bin mir bewusst, dass dich das enttäuscht und du selbst wenig Zeit hast, aber…“ Dennoch sollten Sie bei Ihrem Nein bleiben.

Eine pauschale Ablehnung

Sie könnten der Person jedoch auch mitteilen, dass Sie viel Arbeit in Ihre Vorbereitung stecken und diese deshalb grundsätzlich nicht teilen. Ein derartig pauschales Nein ist legitim, sollte diese Aussage auf Sie zutreffen. Es kann einen jedoch schnell als egoistisch erscheinen lassen. Gleichzeitig habe ich dazu folgendes gelesen: „Die Frage ist aber: Wer ist egoistischer – derjenige, der eine Bitte ausschlägt – oder derjenige, der seine Sympathien davon abhängig macht, wer nach seiner Pfeife tanzt?“ (Mai 2021). 

Dass man schnell als unkameradschaftlich abgestempelt wird, gilt ebenso, wenn man dem/der Bittsteller*in direkt mitteilt, dass man es nicht mag, wenn man ohne Gegenleistung (andauernd) nach Material gefragt wird. Man kann die Menschen durch derartige Aussagen schnell vor den Kopf stoßen. Wie zuvor gesagt, geht es also um die angemessene Formulierung. Es bietet sich also eher an, der Person mitzuteilen, dass wir der Bitte nicht nachkommen können. Ob Sie dem eine Erklärung folgen lassen wollen, ist Ihnen überlassen.

Eine scherzhafte Ablehnung

Gleichzeitig kommt es auch stetig auf die jeweilige Person an. Nicht bei jeder Person können Sie auf die gleiche Art reagieren. Es gilt hier also stetig zwischen einer direkten oder einer indirekten Reaktion abzuwägen. Manche werden auch eine scherzhafte Erwiderung wie „Damit du mehr schlafen kannst…?!“ besser auffassen als andere. Ein solcher Kommentar ist vielleicht nicht der eleganteste, kann sich bei der betroffenen Person jedoch als ausgesprochen effektiv erweisen. Jedoch nur, wenn Sie sicher sind, dass diese damit umgehen kann. 

2. Ein Gegenvorschlag

Alternativ kann man auf die Nachfrage stattdessen mit einem Gegenvorschlag reagieren. Auf diese Weise kann die Person ohne Ihr Zutun die Arbeit erledigen und erkennt doch gleichzeitig, dass Ihnen deren Probleme dennoch nicht vollkommen egal sind bzw. Sie vermitteln zumindest dieses Gefühl. Hierdurch wird es dem/der Nachfragenden leichter fallen, Ihre Ablehnung zu akzeptieren. 

Ein solcher Gegenvorschlag könnte folgendermaßen aussehen. Haben Sie beispielsweise ein Lehrwerk als Basis Ihrer Unterrichtsplanung gewählt, welches der Person nicht bekannt ist, so könnten Sie vorschlagen, dieses mit ihr zu teilen, anstatt direkt alles zuzuschicken/zu kopieren. Sie könnten dann zum Beispiel antworten: „Ich kann dir die Seiten scannen/kopieren. Dann kannst du deine eigenen Materialien anfertigen.“ Schließlich ist es stets das Beste, wenn man seine eigenen Arbeiten erstellt. Dann beherrscht man diese auch besser. 

Möchte der Kollege/die Kollegin daraufhin weiterhin insistieren und eigentlich das fertige Material haben, dann müsste er/sie sich zwangsläufig offenbaren und dies direkt aussprechen. Das zu tun wird wahrscheinlich so gut wie niemandem leicht fallen. Schließlich ist es ja doch mehr als peinlich. Tut er/sie dies aber doch, so sollte man hier dann eine klare Grenze setzen, sollte man damit nicht einverstanden sein. Ein „Come on.“ oder ein „Findest du nicht, dass das ein bisschen übertrieben ist?!“ kann da dann doch deutlich zeigen, dass dies eine völlig überzogene Forderung ist.

3. Sagen, dass man selbst noch nicht fertig ist

Haben Sie zum Zeitpunkt der Nachfrage Ihre Unterrichtsplanung selbst noch nicht abgeschlossen, so können Sie dies natürlich als Argument nutzen. Bei der Erstellung des eigenen Materials handelt es sich um einen Prozess, der mitunter noch während des Verlaufs der Unterrichtseinheit verändert beziehungsweise erweitert wird. Der Person mitzuteilen, dass man noch nicht fertig ist, kann somit auch helfen, um augenblickliche Nachfragen abzulehnen. Auf diese Weise können Sie sich Zeit verschaffen, um sich zu überlegen, ob Sie zu teilen bereit sind und wenn ja, was.

Sie sollten jedoch tunlichst vermeiden, diesbezüglich zu lügen. Bei einer derartigen Reaktion kann es nämlich dazu kommen, dass die Person später noch einmal nachfragen wird. Seien Sie darauf also gefasst. Möchten Sie das Material also nicht teilen, so seien Sie diesbezüglich lieber ehrlich, anstatt die Person stetig auf später zu vertrösten. Irgendwann werden Sie die Unterrichtseinheit nämlich abgeschlossen haben und da wird dieses Argument nicht mehr funktionieren. 

4. Austausch

Selbstverständlich kann ein „Nein“ auch zu einem „Ja“ werden. Anstatt komplett abzulehnen, kann sich auch der Vorschlag zur Zusammenarbeit als eine gute Alternative anbieten. Es kommt jedoch darauf an, wie der Austausch vonstatten geht. Geschieht dieser auf gerechter Basis, bei der sich jede Person gleichermaßen mit einbringt, dann ist dies selbstverständlich überhaupt kein Problem. Es sollte jedoch nicht so ablaufen, dass eine/r stetig gibt und der/die andere nimmt.

Dieser Austausch kann auf Basis der Kompetenzen geschehen, die man jeweils am besten beherrscht. Was man am besten kann, davon können die anderen Teammitglieder auch profitieren. (Davon habe ich auch bereits in meinem Artikel „Kollegium & Schulleitung – nicht immer leicht“ geschrieben.) Fühlt sich ein/e „Wissensschnorrer*in“ besser mit eingebunden und erkennt die Vorteile einer derartigen Zusammenarbeit, wird dies unter Umständen dessen/deren Arbeitsmoral verändern. 

5. Zusammenarbeit

Alternativ bietet sich auch eine Kombination aus Punkt 3 und 4 an. Sind Sie beispielsweise noch nicht fertig mit Ihrer Unterrichtseinheit, so könnten Sie auch folgendermaßen reagieren: „Super, das trifft sich gut. Ich bin nämlich selbst noch nicht fertig. Da könnten wir die Einheit doch gemeinsam weiterentwickeln. Was meinst du dazu?“ Auf diese Weise wird dem/der Bittsteller*in deutlich gemacht, dass die Bitte nicht gänzlich abgelehnt wird, aber eben zu bestimmten Bedingungen. Wenn die Person auch beim zweiten Mal Nachfragen eine derartige Antwort erhält, wird sie automatisch begreifen, dass sie arbeiten muss – allein oder in Zusammenarbeit -, anstatt jedes Mal nach dem Material anderer zu fragen. 

Auf diese Weise kann man sich auch ein Bild von der Arbeitsweise der anderen Person machen. Vielleicht hat diese ja schlichtweg Probleme, sich zu organisieren, und fragt deshalb so oft nach Materialien. Zusätzlich können wir aber selbst auch profitieren. Schließlich können wir hierdurch auch auf weitere Einfälle kommen, denn im Rahmen des Zusammenarbeitens werden neue Ideen entwickelt. Auch kann man eventuell sogar eine andere Arbeitsweise entdecken, die unsere eigene unter Umständen verbessert bzw. unterstützt.

Behalten Sie Dinge auch mal für sich

Ist die Tendenz einer Person bekannt, stetig von den Materialien anderer zu profitieren, so sollten Sie aufpassen, wieviel Sie dieser Person gegenüber von Ihrer eigenen Planung preisgeben. Idealerweise thematisieren sie diese erst gar nicht. So können auch keine Forderungen erfolgen. Manchmal ist es natürlich unausweichlich, über die eigene Planung zu sprechen. Nichtsdestotrotz sollten Sie schauen, wem gegenüber Sie Ihre Ideen äußern. Bei manchen Kollegen*innen merkt man recht schnell, ob diese sich zum Austausch von Material eignen oder doch eigentlich nur von den Materialien oder der Arbeit anderer profitieren möchten. 

Letzter Ausweg: Thematisieren

Ist eine Person im Kollegium als jemand mit einer Tendenz zum Wissensschnorren ausgemacht, so bietet es sich letzten Endes auch an, mit dieser das Gespräch zu suchen. Dies sollte aber wirklich nur der letzte Ausweg sein. Schließlich kann die Präsenz einer Person mit einer geringen Arbeitsmoral im Kollegium schnell die Gemüter erhitzen. Anstatt sich also stetig neue Punkte zu überlegen, wie Sie die immer wiederkehrenden Bitten zurückweisen können, empfiehlt es sich, das Problem offen anzusprechen. Sprechen Sie mit der Person allein, damit sich diese nicht in der Unterzahl sieht und in die Defensive geht.

Dabei sollte dieses Gespräch jedoch nicht in eine Art Anklage ausarten. Formulieren Sie dem/der Kollegen*in gegenüber lediglich, wie Sie die Situation sehen und welche Emotionen dies in Ihnen hervorruft. So könnten Sie dies beispielsweise folgendermaßen aussprechen: „Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit häufiger mit Bitten an mich herangetreten bist, denen ich nicht nachkommen wollte/konnte. Dies liegt daran, dass ich mich nicht wohl damit fühle, wenn der Austausch von Materialien ausschließlich einseitig geschieht.“ Sie können sogar deutlich sagen, dass es Sie ärgert, wenn lediglich Sie geben und dass das so ja eigentlich nicht gedacht ist. Gegebenenfalls können Sie die Person auch um eine Veränderung bitten. Machen Sie deutlich, dass von einem ausgeglichenen Austausch lediglich alle profitieren können. Weiß der/die Kollege*in nicht, wie er/sie sich einbringen kann, so können Sie gerne Ihre Hilfe anbieten. 

Ich bin mir dessen bewusst, dass ein derartiges Gespräch nicht unbedingt einfach ist. Gerne würden wir dies vermeiden. Wenn unter der Arbeitshaltung der jeweiligen Person jedoch die Atmosphäre leidet, so führt kein Weg um eine offene Unterredung herum. Vielleicht ist es dem/der Kollegen*in ja auch gar nicht bewusst, was dessen/deren stetige Nachfragen bei anderen für Emotionen auslösen. Ebenfalls kann es der Fall sein, dass er/sie gar nicht merkt, dass es zu viele Bitten sind. Geben Sie Ihrem Gegenüber die Möglichkeit sich zu erklären. 

Zwei Seiten…

Wir sollten uns insgesamt bewusst machen, dass zum Ausnutzen stets zwei dazu gehören: der/die Ausnutzende und der/die Ausgenutzte. Die Schuld der ausnutzenden Person zuzuschieben, wäre hier also zu kurz gegriffen. Selbstverständlich möchte man keine Probleme mit anderen Kollegen*innen. Gleichzeitig sollte man aber auch nicht permanent ausgenutzt werden. Schließlich ist es so, dass, wenn man stetig etwas gibt, es dann schneller passiert, dass die Person wieder mit Wünschen an uns herantritt. Gleichermaßen sollten Sie gegen das altbekannte Helfersyndrom ankämpfen. Selbstverständlich können Sie Kollegen*innen unterstützen, wenn sich dies als notwendig erweist. Dies sollte jedoch nicht zur Gewohnheit werden. 

Möchte jemand einen darum bitten, Aufgaben für ihn/sie zu übernehmen, so sollte auch hier geschaut werden, dass dies nicht zur Regelmäßigkeit wird. Diesbezüglich habe ich folgendes gelesen: „Man sollte auch ganz genau hinschauen, wer einem die Aufgaben übergeben will. Die Jobs der anderen zu machen, ist nicht Sinn der Sache. Ab und zu Mal auszuhelfen, oder wenn man Zeit hat Hilfe anzubieten, ist freundlich; sich ausnutzen zu lassen dagegen dumm“ (Tabernig et al. 2007). Seien Sie also nicht allzu freigiebig mit Ihren Materialien und Ihrer Energie. Wenn Sie schlussendlich vielleicht sogar völlig ausgelaugt oder unzufrieden sind, dann zeigt sich hier schnell, dass etwas nicht richtig läuft. 

Fazit

Zu guter Letzt lässt sich festhalten, dass überall mit Menschen zu rechnen ist, die sehr oft nach den Materialien oder Arbeiten anderer fragen. Dies kann, wie so oft, verschiedene Gründe haben. Bevor also jemand als „Wissensschnorrer*in“ „verurteilt“ wird, sollten wir uns lieber mit den Ursachen beschäftigen. Handelt es sich bei einer Person jedoch wirklich um jemanden, der lediglich von den Arbeiten anderer zu profitieren strebt, so bieten sich verschiedene Reaktionsformen an, um dieser den Wind aus den Segeln zu nehmen. Einerseits können Sie ablehnen oder das Angebot des Austausches oder der Zusammenarbeit machen, um ihre Haltung deutlich zu vermitteln. Insgesamt darf das eigene Wohlbefinden nicht außer Acht gelassen werden. Wir sollten stets schauen, wieviel wir von unseren Materialien und unserer Energie geben. Schließlich ist der Beruf des/der Lehrers*in nicht einfach und oftmals auch kraftraubend. Da brauchen wir nicht noch zusätzliche Energieräuber. 

Literaturverzeichnis:

Abbildungsverzeichnis: