Es ist noch kein (Fremdsprachen-)Lehrer vom Himmel gefallen.

Was hat das Impostor Syndrom mit meinem Fremdsprachenunterricht zu tun?

Bevor ich auf das eigentliche Anliegen meines Artikels zu sprechen komme, benötigt es zunächst einer Begriffsbestimmung des im Titel erwähnten „Impostor Syndroms“. Es gibt selbstverständlich eine Vielzahl an Definitionen zu dem Thema. Die folgende erscheint mir dennoch am präzisesten und aufgrund der Quelle am passendsten, obwohl die Begrifflichkeit eine andere ist (Impostor-Phänomen statt Syndrom):

„Das Impostor-Phänomen, auch als Hochstapler-Syndrom bzw. Hochstapler-Phänomen oder Betrüger-Phänomen bezeichnet, ist ein psychologisches Phänomen, bei dem Betroffene unfähig sind, ihre Erfolge zu internalisieren. Trotz offensichtlicher Beweise für ihre Fähigkeiten sind die Betroffenen davon überzeugt, dass sie ihren Erfolg erschlichen […] und diesen nicht verdient haben. Von anderen als Erfolge angesehene Leistungen werden von den Betroffenen mit Glück, Zufall oder mit der Überschätzung der eigenen Fähigkeiten von anderen erklärt“ (Stangl, 2021).

Das Impostor Syndrom im Fremdsprachenunterricht?

Was hat dies nun aber mit dem Fremdsprachenunterricht zu tun? Ganz einfach. Ich persönlich fühle mich als deutsche Muttersprachlerin, die nicht ihr ganzes Leben in einem englisch- oder französischsprachigen Land verbracht hat, mitunter als falsche Wahl für die Stelle einer Fremdsprachenlehrerin. Schließlich beherrsche ich die beiden Sprachen meiner Wahl nicht perfekt. Wie könnte ich das auch? Schließlich bin ich nicht Englisch- oder Französischmuttersprachlerin. 

Genau hier beginnen aber meine Zweifel. Wie kann mich jemand dazu in der Lage sehen, eine Fremdsprache zu unterrichten, wenn ich nicht alle Wörter kenne? Oftmals ändert sich der Wortschatz ja von Land zu Land noch dazu leicht. Das beginnt schon beim Vergleich des britischen und des amerikanischen Wortschatzes. Treffe ich auf ein Wort, welches mir noch nie begegnet ist, noch dazu im Unterricht, so beschäftigt mich dies schon. Das nagende Gefühl, fehl am Platz zu sein, macht sich breit…

Muss man Muttersprachler*in sein, um eine Fremdsprache zu unterrichten? 

Eigentlich bin ich mir dessen bewusst, dass die perfekte Beherrschung einer Sprache nicht die Grundvoraussetzung ist, um diese optimal zu unterrichten. Ich habe bereits Lehrkräfte – sowohl im Schul- als auch im Universitätsbereich – ihre Muttersprache unterrichten sehen, die diese aber nur wenig vermitteln konnten. Dies zeigt also bereits, dass es mehr um die eigentliche Ausbildung zur Lehrkraft geht. Das Wie scheint bedeutender zu sein. 

Im Wissen dieses Umstandes sollte man doch eigentlich meinen, dass dies meine nagenden Zweifel beruhigen sollte. Gleichzeitig ist dies aber nicht der Fall. Stattdessen fühle ich mich oft, als wäre ich die falsche Wahl. Als wäre ich durch Wissenslücken eigentlich bereits ungeeignet für den Beruf. Trotz meines jahrelangen Studiums des Lehramtes für meine beiden Sprachen mit einem erfolgreichen Abschluss des Bachelor- und Masterstudiums, mein ebenfalls abgeschlossenes Referendariat im selben Bereich sowie mein Praxissemester im Verlauf des Studiums, diverse Praktika und Fortbildungen. 

Es ist ganz normal… 

Sind wir ehrlich, so ist es ganz normal, dass wir nicht alles wissen können. Selbst in unserer eigenen Muttersprache kennen wir nicht alle Wörter. Bereits dann, wenn man von Nord- nach Süddeutschland reist, so begegnen einem doch einige Begriffe, die unterschiedlich sind. Dementsprechend sollten wir uns eigentlich keine Vorwürfe machen, wenn wir nicht alles in einer Fremdsprache kennen. 

Nichtsdestotrotz ist dies schwer für mich. Unterschwellig fühle ich mich nicht geeignet und so, als müsste doch jederzeit jemand in meinen Unterricht stürzen, um mich sofort zu feuern. Ich kann mir vorstellen, dass dies auch etwas mit meinem Hang zum Perfektionismus zu tun hat. Als könnte ich nur dann bestehen, wenn ich auch alles perfekt machen würde. Allerdings belüge ich mich hier nur selbst, da es Perfektion einfach nicht gibt. 

Die Lösung? 

Eine Lösung für dieses Problem habe ich bisher noch nicht gefunden. Ich befinde mich im Augenblick des Schreibens diesbezüglich noch in einem Selbstfindungsprozess. Gleichzeitig kann ich mir jedoch vorstellen, dass es darum geht, sich selbst zu akzeptieren – mit allen Stärken und Schwächen. Zusätzlich handelt es sich beim Lehrberuf insgesamt um einen Prozess. Es geht darum, sich stetig weiterzuentwickeln. Hierzu zählt auch die sprachliche Weiterbildung im Bereich des Fremdsprachenunterrichts. Sprachen sind nicht statisch. Sie entwickeln sich stetig weiter, alte Wörter fallen weg, neue kommen hinzu. Aus diesem Grund ist es auch persönlich wichtig, stetig am Ball zu bleiben und sich stetig mit der Sprache auseinanderzusetzen. 

Selbstverständlich gehört es auch zum Unterrichten, sich vorab mit dem zu vermittelnden Thema auseinanderzusetzen und ein mögliches Vokabular zu antizipieren. Gleichzeitig haben wir es bei unseren Schülern*innen jedoch auch mit Lebewesen zu tun. Wir können also nicht alles voraussehen. Sollten wir ein nachgefragtes Wort nicht kennen, kann man dies kaschieren und den Lernenden einfach ein Wörterbuch oder einen Sprachcomputer in die Hand drücken, sodass sie selbst die Übersetzung suchen können. Alternativ können wir es einfach zugeben und schnell im Internet nachschauen. 

Fazit 

Vielleicht betrifft es nur mich, aber das Impostor Syndrom spielt in meinem Fremdsprachenunterricht doch eine erhebliche Rolle. Aufgrund von einem Wissen in der Sprache mit Lücken fühle ich mich schnell als falsche Wahl. Gleichzeitig fühle ich mich dabei so, als hätten die Menschen es einfach noch nicht gemerkt. Sobald es also „herauskommt“, werden sie mich schnell als ungeeignet entlassen. Die Lösung für dieses Problem habe ich noch nicht gefunden. Ich hoffe, dass es mit der Zeit und zudem mit einer ausgedehnterer Erfahrung besser wird. Zusätzlich denke ich, dass es bereits ein guter Anfang ist, dass ich mir dieser Problematik bewusst bin und diese in Angriff genommen habe. Es benötigt wohl Zeit und Geduld, um diese Selbstzweifel zu überwinden.

Verwendete Literatur

Stangl, W. (2021). Stichwort: ‚Impostor-Syndrom – Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.

WWW: https://lexikon.stangl.eu/13517/impostor-syndrom (2021-06-06)

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  1. Weasley

    Vielen lieben Dank für diesen Beitrag.
    Ich bin gerade zufällig hier gelandet, da es mir gerade im Referendariat genau so geht. Ich habe durchgängig das Gefühl „entdeckt“ zu werden. Passiert es mir doch immer mal wieder, dass ich gerade nicht sofort das richtige Wort parat habe oder was mir auch schon aufgefallen ist: Ich sehe, das Wort ist falsch geschrieben, aber so ad hoc sehe ich nicht was genau jetzt falsch ist. Es sieht komisch aus, aber was genau fehlt oder ist zu viel. Ich weiß von meiner Mentorin, dass es ihr am Anfang hin und wieder auch so ging. Trotzdem habe ich derzeit panische Angst nicht gut genug zu sein um Englischlehrerin zu werden.

    Darum habe ich gegoogled und bin dabei zufällig hierauf gestoßen. Vielen lieben Dank dafür, es macht Mut nicht alleine zu sein 🙂

    Grüße

    • Laerari

      Vielen Dank für den Kommentar.
      Ich freue mich, dass ich Ihr Interesse habe wecken können.
      Ja, speziell im Referendariat sind die Selbstzweifel tendenziell besonders hoch. Das Impostor Syndrom habe ich bei mir im Referendariat noch schlimmer empfunden als heutzutage. Schließlich saß dort ständig jemand, der einem über die Schulter schaute und auch den noch so kleinsten Fehler zu bemerken schien.
      Umso schöner, dass ich Ihnen habe Mut machen können. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg für das weitere Referendariat.

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