Müde Reaktionen

Kündigen wir unserer Unterrichtsklasse an, dass wir in der nächsten Zeit unter anderem Gedichte behandeln werden, so ist die Reaktion zumeist dieselbe. Ein unwirsches Murren, ein „Och, nee.“ oder ähnliche müde Reaktionen. Nur selten löst eine derartige Ankündigung Begeisterungsstürme aus. Das Unterrichten von Gedichten muss dabei gar nicht verstaubt sein. Man muss sich nur zu helfen wissen. 

Durch Rapmusik das Interesse wecken

Jeder Jahrgang oder zumindest jede Generation hat ihre bevorzugte Musik. Vielfach kann ich beobachten, dass meine Schüler*innen unter anderem auch gerne Rapmusik oder zumindest Hip Hop hören. Diesen Umstand kann man sich ausgezeichnet zunutze machen. Denn über diese Art von Musik, insbesondere durch deren Liedtexte, kann das Interesse unserer Schülerschaft geweckt werden. Durch die zumeist klarere Abgrenzung des Rhythmus lassen sich unseren Schülern*innen zudem zumeist Takt und Metrum besser vermitteln.

Selbstverständlich haben wir oftmals Vorgaben für das im Unterricht zu behandelnde Material und/oder können nicht allzu frei wählen. Nichtsdestotrotz können wir die Behandlung von Gedichten über die Lektüre und Analyse von Liedtexten bei unseren Schülern*innen beliebte Rapper*innen beginnen. Natürlich kann ich nicht versprechen, dass diese Strategie immer funktioniert. Dennoch kann dies zu mehr Neugier auf das Thema Gedichte führen als ein direkter Einstieg mit dem eigentlich zu behandelnden (klassischen) Gedicht.

Bei der Auswahl des Stücks und dessen Liedtext empfehle ich dabei, etwas zu nehmen, was thematisch dem schlussendlich zu behandelnden (klassischen) Stück entspricht. Hierdurch lässt sich zu einem späteren Zeitpunkt der Einheit auch ein Vergleich beider Texte vornehmen. Dies signalisiert auch, dass es nicht nur um die Form geht, sondern auch um den Inhalt und dass dieser von Relevanz ist. Dieser Aspekt wird nämlich gerne mal vergessen. da zu sehr auf die Form geachtet wird.

Keine Illusionen

Machen wir uns jedoch nichts vor. Es ist klar, dass dieses eingangs geweckte Interesse eventuell nur von kurzer Dauer sein wird. Denn das Anhören und bloße Konsumieren von Musik macht den meisten Spaß. Sobald es jedoch plötzlich um die Analyse eines derartigen Songs geht sowie die Betrachtung von Stilmitteln und Reimschemen, dann nimmt das Interesse oftmals doch rapide ab. Dennoch ist ein Einstieg über einen Liedtext und die dazugehörige Musik dem eines Gedichts von beispielsweise vor 100 Jahren deutlich vorzuziehen. 

Dies liegt daran, dass es die Lebenswirklichkeit unserer Lernenden betrifft. Viele fühlen sich etwas mehr verstanden, wenn auf deren Interessen eingegangen wird. Diesbezüglich empfiehlt es sich auch, vorab eine kleine Umfrage in der Klasse zu starten beziehungsweise sich in dieser umzuhören. So lässt sich erfahren, welche Interpreten*innen besonders gehört werden. So wird bereits die Problematik umgangen, Interpreten*innen auszuwählen, die von der gesamten Klasse abgelehnt werden. Zwar kann es nicht immer nach ihrem Geschmack gehen, aber wenn man sich in dieser Form den Interessen unserer Lernenden nähert, so sollte auch deutlich nach deren Vorlieben ausgewählt werden.

Abschließend…

Wie so oft können wir nicht stetig das unterrichten, was unsere Schüler*innen am liebsten hätten. Dazu gehören auch Gedichte. Denn ich würde meinen, dass die Mehrheit unserer Lernenden diese am liebsten gar nicht behandeln würden. Da aber auch alte Werke nicht außer Acht gelassen werden sollten und wir in unserer Auswahl an Unterrichtsinhalten nicht immer ganz frei sind, so kann zumindest der Beginn der jeweiligen Unterrichtseinheit in derart begonnen werden, dass wir zumindest ansatzweise das Interesse unserer Klasse wecken. Durch die Behandlung von Liedtexten speziell aus dem Genre des Raps lässt sich dies hervorragend bewerkstelligen, wie wir gesehen haben.

Wie gesagt, dürfen wir uns jedoch keine Illusionen machen. Die Schüler*innen werden nicht plötzlich alle begeisterte Leser*innen von Gedichten werden. Aber zumindest lässt sich durch den Einstieg über deren bevorzugte Musik (zumindest die der Mehrheit) eine gute Grundlage für die Einheit legen. Ziel ist es doch letztendlich, ihnen die Sinnhaftigkeit einer Gedichtanalyse besser vermitteln zu können. Wenn sie also begreifen, warum beispielsweise ihr Lieblingsrapper eine bestimmte Formulierung ausgewählt hat und was deren womöglich tieferer Sinn ist, so haben wir doch bereits einen gewissen Teil dazu beigetragen.