Einstieg

Wie aus meiner Vorstellungsseite hervorgeht, unterrichte ich derzeit an

einem französischen Lycée in der Elfenbeinküste. Aus diesem Grund trat eine Leserin mit der Idee an mich heran, einen Vergleich zwischen meinem derzeitigen und dem deutschen Schulsystem vorzunehmen. In diesem zweiten Teil meiner Miniserie möchte ich nun vertiefend auf den Schulalltag eingehen wie auch auf die Besonderheiten einer französischen Schule im Ausland.

Die Unterrichtsstruktur

Da es sich bei meiner Einrichtung um eine internationale Schule handelt, kommen dementsprechend viele Lehrkräfte ebenfalls aus vielen verschiedenen Ländern. Diese haben selbstverständlich an verschiedenen Ausbildungsstätten gelernt, weshalb auch das erlernte Wissen über die Vorgehensweise nicht unbedingt dasselbe ist. Der Dreischritt zwischen Einstieg, Erarbeitung und Vertiefung wie er allgemein in Deutschland betont wird, ist somit nicht unbedingt vorausgesetzt. Nichtsdestotrotz habe ich diesbezüglich in keinerlei Weise etwas verändern müssen. 

Lehrer*innen haben im Gegensatz zu Deutschland, wo eine Lehrperson in der Regel zwei, mitunter sogar drei Fächer unterrichtet, nur ein Fach. Aus diesem Grund unterrichte ich hier ausschließlich Englisch.

Fluktuation

Zu den Eigenheiten einer französischen/internationalen Schule im Ausland gehört es, dass eine große Fluktuation besteht. An den lokalen Schulen durchlaufen die Schüler*innen in der Regel ihre gesamte Ausbildung in einem Etablissement, wie dies allgemein auch an deutschen Schulen der Fall ist. An unserer Schule hingegen wechselt dies verhältnismäßig oft. Manche Lehrkräfte bleiben nur für ein Jahr, die Schulleitung hat nach fünf Jahren zu wechseln und auch unter den Schülern*innen gibt es doch recht viele Wechsel. Letzteres liegt speziell daran, dass viele Eltern aufgrund ihres Berufs (z.B. Botschafter*in) regelmäßig das Land wechseln. Mitunter kann dies auch mitten im Schuljahr geschehen.

Klausuren und Klassenarbeiten

Im Vergleich zu der Anzahl an Klassenarbeiten und Klausuren, die ich in Deutschland zu schreiben hatte (allgemein zwei pro Trimester), habe ich hier eine bedeutend größere Anzahl von Leistungsüberprüfungen durchzuführen. Pro Trimester sollen dies im Bereich Englisch mindestens drei in wenigstens zwei der zentralen Kompetenzen (Lese- und Hörverstehen sowie Schreiben und Sprechen) sein. Diese gewählte Menge gilt auch für die meisten anderen Fächer. Klassenarbeiten beziehungsweise Klausuren können allerdings auch durch andere Leistungsarten ersetzt werden. Beispielsweise kann dies hier eine Präsentation sein oder ein Video zu einem bestimmten Thema.

Zu Beginn meines Unterrichtens im Ausland vor drei Jahren gab es diesbezüglich noch keine klaren Vorgaben hier an der Schule. Über die letzte Zeit hinweg arbeitete die Schule jedoch immer mehr auf eine einheitlichere Struktur hin. Diese wurde nun zu Beginn dieses Schuljahres finalisiert. Es erscheint mir jedoch so, als dass es sich dennoch zunächst um einen Testlauf handelt, um zu sehen, wie sehr sich dies wirklich umsetzen lässt.

Es zeigt sich nämlich bereits jetzt, dass eine nicht unerhebliche Menge an Lehrkräften beginnt zu murren. Vielfach haben sie das Gefühl, nur noch zu korrigieren. Denn schließlich sind drei Arbeiten oder Klausuren pro Trimester, also in so circa drei Monaten, doch recht viel. Da bleibt oft nicht besonders viel Zeit, um dies zu bewältigen. Zumindest sind die Klausuren in der Oberstufe, bis auf in den Spezialitäten (dies lässt sich mit Leistungskursen vergleichen), kürzer als die in Deutschland.  

Disziplin

Im französischen/ivorischen System

Im französischen/ivorischen Schulsystem spielen die Disziplinierung und Kontrolle von Schülern*innen, meinen Beobachtungen nach, eine bedeutend größere Rolle als im deutschen Schulsystem. Es wird viel mehr bestraft, wenn Regeln nicht eingehalten werden. Bereits für das mehrmalige Vergessen des stetig mitzuführenden Carnets (wie ein Mitteilungsheft) wird Nachsitzen angeordnet. 

Im deutschen System

In Deutschland wird meiner Ansicht nach viel mehr auf die Selbstständigkeit der Schüler*innen gesetzt. Selbstverständlich wird auch hier bestraft, wenn Vorgaben nicht befolgt werden. Dennoch habe ich den Eindruck, dass im deutschen Schulsystem bedeutend mehr darauf gepocht wird, den Schülern*innen die Sinnhaftigkeit des Befolgens von Regeln klar zu machen. Zumindest habe ich dies bisher in allen Schulen, in welchen ich tätig war, so beobachten können. Sie sollen selbst verstehen, warum es diese Regeln gibt und was eine Nichteinhaltung dieser für Folgen haben kann. Die Lernenden sollen vollwertige Mitglieder der Gesellschaft werden, anstatt diese lediglich zu einem Idealbild heranzuziehen. Erst wenn all dies nicht fruchten will, wird durchgegriffen. Aber dafür wird dann auch zwischen verschiedenen Arten von „Vergehen“ unterschieden, die jeweils klar vorgeschriebene Konsequenzen nach sich ziehen. 

Eine Umstellung

Da ich im deutschen Schulsystem aufgewachsen bin und auch in diesem zur Lehrerin ausgebildet wurde, war es für mich nicht leicht, mich im Hinblick auf eine größere Betonung von Disziplin umzustellen. Und auch heute noch fällt mir dieser Aspekt des Unterrichtens nicht leicht. Denn die Schüler*innen kann man in ihrer Denkweise nicht umstellen, da sie schließlich anders sozialisiert wurden und nach wie vor werden. Aus diesem Grund ist es an mir, mich anzupassen. In dieser Hinsicht erkenne ich jedoch nach wie vor, dass ich diesbezüglich noch viel zu lernen habe. 

In ivorischen Schulen

Ich möchte hier noch hinzufügen, dass ich mehrheitlich eine größere Disziplin auf Seiten der Schüler*innen habe erkennen können, die aus dem ivorischen System zu uns an die Schule gekommen sind. Es scheint in dem ivorischen System also noch mehr auf Disziplin gepocht zu werden. Dies konnte ich auch in meiner Praktikumsschule feststellen, wobei es sich hierbei allerdings auch um ein Etablissement mit exzellentem Ruf handelt.

Schulkleidung und Erscheinungsbild

In der Elfenbeinküste wird an den Schulen eine Uniform getragen. Den internationalen Schulen ist dies zwar mehr oder weniger freigestellt, aus Respekt für die Gesellschaft/Gemeinschaft wird meines Wissens nach aber auch überall an diesen die Schuluniform getragen. Dabei tragen die Jungen am Collège und im Lycée allgemein lange Hosen und T-Shirts in Khaki. Die Mädchen tragen Röcke oder Hosen in Marineblau beziehungsweise dunkelblau mit einer weißen Bluse oder einem weißen Hemd. 

An vielen lokalen Schulen wird noch dazu verlangt, dass sich die Schüler*innen während der Zeit am Collège die Haare sehr kurz schneiden, auch die Mädchen. Mit kurz meine ich nur ein paar Millimeter lang. So ist dies auch an der Schule vorgeschrieben, an welcher ich mein Praktikum während meines ersten Aufenthaltes in der Elfenbeinküste absolviert habe. Dort dürfen sich die Mädchen erst in der Oberstufe die Haare lang wachsen und frisieren lassen. An internationalen beziehungsweise französischen Schulen wird dies allgemein jedoch nicht umgesetzt. Es obliegt also der jeweiligen Schule über diese Regelung zu entscheiden.

Laizität und Religion

Der Aspekt der individuellen Regelung von Schulen führt uns gleichzeitig zu dem der Religion. Allgemein ist die Elfenbeinküste ein laizistisches Land. Schulen sind also allgemein keiner Religion zugewandt. Auch die Schule, an welcher ich hier lehre, ist laizistisch ausgerichtet. Dennoch gibt es natürlich auch religiöse Schulen, speziell solche katholischen Glaubens. An diesen geht es meist noch etwas strenger zu als an anderen Schulen. Vielfach werden diese sogar bevorzugt, da mehrheitlich disziplinierter vorgegangen wird und die Schüler*innen, wenn man den allgemeinen Meinungen nach geht, mehr lernen.

Dokumentation

Wie bereits in meinem ersten Teil beschrieben, werden die Noten der einzelnen Schüler*innen jeweils auf unserer Schulplattform Pronote eingetragen. Hierdurch können die Lernenden wie auch die Eltern diese jederzeit einsehen. Insgesamt geht die Dokumentation von Informationen sehr viel tiefer als ich es beispielsweise in Deutschland erlebt habe, wo ich stets nur Stichworte in das Klassenbuch eintragen konnte. (Das lag auch am zur Verfügung stehenden Platz.) An unserer Schule haben wir gar keine Klassenbücher. Stattdessen werden alle Informationen online eingetragen: die behandelten Stundeninhalte, die Anwesenheit, Termine, das Betragen der Schüler*innen, der Gang zur Krankenschwester, etc. All dies kann von zu Hause aus eingesehen werden und so erfahren die Eltern direkt, wie sich ihr Kind verhalten hat. Ein Vorteil dieses Systems ist auch, dass ich Inhalte, die ich in mehreren Klassen eines Jahrgangs unterrichte, ganz einfach übertragen und dadurch erheblich Zeit sparen kann.

Ivorische Schulen sind zumeist weniger gut ausgestattet. So wird hier allgemein in großen Klassenbüchern und nach einem strikten Plan eingetragen, was in einer jeweiligen Stunde behandelt wurde. An meiner Praktikumsschule war dies zumindest der Fall und es wurde dort sehr detailliert eingetragen, was unterrichtet wurde. Wie ich beobachten konnte, nahm dies sehr viel Zeit in Anspruch. 

Eine Schule im Ausland

Zuletzt möchte ich mich noch dazu äußern, wie es insgesamt ist, wenn eine französische Schule im Ausland besteht. Allgemein möchte man meinen, dass es fernab vom ursprünglichen Land (Frankreich) entspannter sein müsste. Dem war vielleicht auch mal so und manche Dinge werden auch tatsächlich weniger streng genommen. Im Großen und Ganzen habe ich dennoch den Eindruck, dass auch hier viel von den Lehrkräften erwartet wird. Wie auch schon im Abschnitt zu Klassenarbeiten und Klausuren beschrieben, wird alles auch stetig strukturierter und zielgerichteter.

Klassenstärken

Die Klassenstärken unterscheiden sich nicht sonderlich von deutschen Schulen. Zu Beginn meines Arbeitens hier hatten wir noch Klassen, die kaum zwanzig Schüler*innen überschritten. Inzwischen habe ich hingegen auch Klassen mit dreißig Schülern*innen. Glücklicherweise habe ich diese zweiwöchentlich in halben Gruppen. Die Schulklassen in ivorischen Schulen sind hingegen bedeutend größer. Mit etwas Glück hat man dort „nur“ 50 Schüler*innen in einer Klasse zu unterrichten. Dabei gibt es jedoch Schulen, an denen 120 (!) Lernende in einem einzelnen Raum sitzen. Lehrer*innen, die derart große Klassen zu unterrichten haben, sind wirklich nicht zu beneiden. An meiner Praktikumsschule wurde zum Glück auch hin und wieder in halben Gruppen unterrichtet, sodass individueller betreut werden konnte. Dort überstiegen die Klassenstärken allgemein nicht eine Anzahl von 60 Lernenden.

Die technische Ausstattung

Daneben ist ein Unterrichten an einer französischen beziehungsweise internationalen Schule aber auch im Hinblick auf die Ausstattung anders. Durch das verhältnismäßig hohe Schulgeld kann hier auf Ebene der Informatik besser gearbeitet werden. So hat jeder Raum zumindest ein Whiteboard mit Beamer und Computer. In manchen Räumen gibt es sogar Interactive Whiteboards. Auch arbeiten wir hier seit fast drei Jahren mit Google Education, weshalb wir beispielsweise während der Pandemie online weiter unterrichten konnten und auch heute leichter Dinge kommunizieren können. Eine derartige Ausstattung sucht man in den meisten ivorischen Schulen leider vergebens. Dafür reichen die Mittel dort unglücklicherweise nicht aus.

Abschließend…

Zu guter Letzt lässt sich festhalten, dass klare Unterschiede zwischen dem deutschen Schulsystem und dem, in welchem ich derzeitig hier in der Elfenbeinküste unterrichte, bestehen. Insbesondere der Aspekt der Disziplin fällt mir hier immer wieder auf. Nichtsdestotrotz erkenne ich diese Differenzen, wie ich es bereits im ersten Teil meiner Miniserie gesagt habe, eher in den Feinheiten, wie beispielsweise der unterschiedlichen Notengebung und dass es nicht wirklich viele verschiedene Schultypen gibt wie im deutschen System (Haupt- und Realschule sowie Gymnasium). 

Zur Zeit entdecke ich auch stetig weitere Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Systeme. Diesbezüglich werde ich mich mit Sicherheit auch in Zukunft noch weiter äußern. Sollten Sie einen bestimmten Aspekt des deutschen Schulsystems haben, zu dem Sie gerne einen Vergleich hätten, so schreiben Sie mir gerne. Auch würde ich mich über Erfahrungsberichte anderer Schulsysteme außerhalb Deutschlands freuen. Und auch so freue ich mich stets über Ihre Kommentare und Nachrichten. Schreiben Sie mir also gerne.

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