Wie Sie meiner Vorstellungsseite entnehmen können, lebe und unterrichte ich derzeit in der Elfenbeinküste. Das Schulsystem, in welchem ich tätig bin, entspricht dem Frankreichs. In meinen beiden Artikeln „Schulsysteme – Ein frankoivorisch-deutscher Vergleich Teil I“ und „Schulsysteme – Ein frankoivorisch-deutscher Vergleich Teil II“ habe ich bereits über meine generellen Beobachtungen bezüglich der Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Schulsysteme Deutschlands, Frankreichs und der Elfenbeinküste geschrieben. 

Im Folgenden möchte ich nun genauer davon berichten, wie es ist, Englisch im Ausland zu unterrichten. Denn im französischen Schulsystem ist es üblich, dass eine Lehrperson ausschließlich ein Fach lehrt. Da es selbstverständlich auch hier Aspekte gibt, die die beiden Schulsysteme – das Deutschlands und das Frankreichs – gemein haben und in denen sich diese unterscheiden, werde ich dies mit in meinen Bericht einfließen lassen.

Unterrichtsinhalte

Wenn Sie keine Erfahrung mit dem Unterricht an französischen Schulen im Ausland haben, so stellen Sie sich vielleicht vor, dass das Unterrichten weniger organisiert verläuft als im Ursprungsland. Dem ist es jedoch nicht so. Zudem, wie ich auch bereits in meinem Artikel „Schulsysteme – Ein frankoivorisch-deutscher Vergleich Teil II“ beschrieben habe, wird es an meiner Schule stetig strukturierter. Auch gibt es, wie auch im deutschen Schulsystem, stetig neue Verordnungen. Die erhalten wir direkt aus Frankreich. Somit gilt es, wie auch allgemein, sich stetig auf dem Laufenden zu halten.

Die Reform von 2019 – neue Inhalte

So gab es auch im Jahr 2019 eine neue Verordnung, die den Fremdsprachenunterricht in der Oberstufe in vielen Bereichen grundlegend verändert hat. Davor hatten Lehrkräfte in den beiden letzten Jahren der Oberstufe hinweg vier Themenbereiche zu unterrichten – in der elften Klasse vier und dieselben nochmal in der Abschlussklasse (zwölfter Jahrgang). Lediglich die Inhalte eines jeden Themenbereichs wechselten zwischen den beiden Jahren.

Seit 2019 gilt es acht Themenbereiche zu behandeln. Dabei müssen in der Première (elfte Klasse) sechs Themenbereiche gelehrt werden. Die verbleibenden beiden Themenbereiche, die in dieser Stufe nicht behandelt wurden, werden dann zu Beginn der Terminale (zwölfte Klasse) unterrichtet. Zusätzlich werden vier Bereiche noch einmal wiederholt, allerdings mit anderen Inhalten. Die Auswahl obliegt dem Fachbereich. 

Wenn es stimmt, dann rührt die Motivation hinter dieser größeren Themenanzahl daher, dass die Schüler*innen heutzutage über eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne verfügen und deshalb nicht für mehr als ein paar Wochen auf ein Thema konzentriert sein können. Sollte diese Entscheidung wirklich aus diesem Grund gefällt worden sein, so fände ich dies schon sehr bedenklich. Aber selbstverständlich wird dies nicht offiziell veröffentlicht, weshalb ich keinerlei Belege hierfür habe.

Alles in allem bleibt uns bei sechs zu behandelnden Themenbereichen pro Schuljahr selbstverständlich nicht genügend Zeit, um wirklich in die Tiefen gehen zu können. Eine Lektüre können wir in der Oberstufe schon gar nicht behandeln, was ich sehr schade finde. Vielleicht liegt es daran, dass ich eine eifrige Leserin bin, aber ich sehe dies als eine Schwäche dieses Systems. 

Kompetenzen

Genau wie im deutschen Schulsystem, wird auch im französischen beziehungsweise ivorischen Englischunterricht mit Kompetenzen gearbeitet. Wie überall sind die vier zentralen Fertigkeiten „mündlicher Ausdruck/Sprechen“, „Leseverstehen“, „Hör- beziehungsweise Hörsehverstehen“ und „schriftlicher Ausdruck/Schreiben“. Dabei wird, wie ich bereits in meinem Artikel „Schulsysteme – ein frankoivorisch-deutscher Vergleich Teil I“ beschrieben habe, im Bereich des Collège (Klasse sechs bis neun) besonders Wert auf die Beherrschung der zentralen Kompetenzen eines jeden Fachs gelegt.

Die Reform von 2019 – Neue Kompetenzen

Mediation

Seit der Reform von 2019 sollen zusätzlich noch zwei weitere Kompetenzen unterrichtet werden. Zum einen ist dies die „Mediation“. Diese hat auch zuvor bereits in deutschen Schulen Einzug gehalten. In Deutschland geht es hierbei darum, dass ein deutsches Dokument in die Zielsprache übertragen wird. Dabei soll jedoch nicht übersetzt, sondern die zentrale Botschaft mit eigenen Worten wiedergegeben werden. Mitunter geschieht dies auch umgekehrt – die Kernaussage eines Dokuments in der Zielsprache soll ins Deutsche übertragen werden. Dies habe ich jedoch während meiner Ausbildungs- und Unterrichtszeit im deutschen Schulsystem nicht beobachten können. Vielfach wurde dies schlichtweg abgelehnt, da es sehr viel einfacher ist, die gelesenen oder gehörten Dinge in die eigene Sprache zu übertragen als diese in der Zielsprache zu formulieren.

Im französischen System hingegen verläuft die Mediation anders. Dabei wird ein Dokument bereits in der Zielsprache behandelt. Daraufhin soll jedoch genau wie im Deutschen die Kernaussage in der Zielsprache – mitunter aber auch im Französischen – wiedergegeben werden. Im französischen System wird diese Kompetenz allerdings, anders als in Deutschland, noch nicht in Form einer Evaluation benotet.

Geschriebene Interaktion

Bei der anderen Kompetenz handelt es sich um die „Geschriebene Interaktion“. Da heutzutage viel mehr in kurzen Nachrichten auf Plattformen wie Whatsapp oder Twitter agiert wird, ist die schriftliche Kommunikation bedeutend schneller geworden. Diese neuartige Kompetenz versucht diese Entwicklung aufzugreifen, indem diese Art der Kommunikation im Unterricht eingesetzt werden soll. Das Unterrichten soll authentischer werden. Die Schüler*innen sollen idealerweise direkt im Unterricht auf beispielsweise Tweets auf Twitter reagieren und somit gezwungen sein, ihre Sprachkenntnisse direkt anzuwenden. Wie Sie sich sicher vorstellen können, klingt dies in der Theorie wirklich interessant. In der Praxis hingegen ist dies nicht leicht umzusetzen. Bisher haben wir diesbezüglich auch noch kein direktes Programm erstellt. Zur Zeit schaffen es zudem auch nur die wenigsten – wenn überhaupt -, dies umzusetzen. 

Neue Bewertungstabellen

Mit den Änderungen von 2019 wurden auch neue Bewertungstabellen für die vier Hauptkompetenzen eingeführt. Eine für die rezeptiven Kompetenzen (Hör- beziehungsweise Hörsehverstehen und Leseverstehen), eine für den schriftlichen und wiederum eine für den mündlichen Ausdruck. Diese Tabellen gelten für alle Fremdsprachen, jedoch wird zwischen der ersten Fremdsprache (Englisch) und der zweiten Fremdsprache (an unserer Schule sind das Arabisch, Deutsch und Spanisch) unterschieden. 

Zudem wird im Bereich der rezeptiven Fertigkeiten und des schriftlichen Ausdrucks je nach Fortschritt der Oberstufe zunehmend strenger bewertet. Dies hängt mit den Abiturklausuren zusammen. Statt einer großen Klausur im Fach werden stattdessen über die beiden letzten Schuljahre hinweg drei Klausuren geschrieben. Je eine im zweiten und dritten Trimester der Première und eine im dritten Trimester der Terminale. Für jede Prüfung werden die jeweils zu erreichenden Punkte in eine Note umgerechnet. Für ein und dieselbe Note gilt es, von Prüfung zu Prüfung jeweils mehr Punkte zu erreichen. Genauso verfahren wir Lehrkräfte auch in unserem eigenen Unterricht. Die Idee dahinter ist die, dass die Schüler*innen über die Oberstufe hinweg eine Entwicklung bezüglich ihrer Sprachkenntnisse erfahren, und somit zunehmend mehr von ihnen erwartet werden kann.

Wie so oft, haben sich neu eingesetzte Mittel als nicht immer ganz praxistauglich erwiesen. So ist dies auch der Fall bezüglich dieser Bewertungstabellen. Dies hat in der Vergangenheit schon zu viel Kopfzerbrechen geführt. In unserem Fachbereich haben wir versucht, dem durch viel Kommunikation zu begegnen. Glücklicherweise wurde uns in unserer letzten Fortbildung mitgeteilt, dass wir diese Tabellen tatsächlich nur in Abiturklausuren zu verwenden haben. In allen anderen Klausuren können wir diese tatsächlich an die jeweilige Klausur anpassen. Das hat uns doch alle sehr erleichtert. Um allerdings Übung zu haben, setze ich diese offiziellen Tabellen so oft wie möglich ein.

Klassenarbeiten, Klausuren, offizielle Tests und Abschlussprüfungen

Da ich mich bereits in meinen Artikeln „Schulsysteme – ein frankoivorisch-deutscher Vergleich Teil I“ und „Schulsysteme – Ein frankoivorisch-deutscher Vergleich Teil II“ relativ ausgiebig zu den Themen Klausuren, Klassenarbeiten und Abschlussprüfungen geäußert habe, werde ich versuchen, mich hier kurz zu halten.

Abschlussprüfungen

Englisch ist, meinen Beobachtungen nach, im französischen Schulsystem weniger zentral als in Deutschland. So spielt es beispielsweise im Brevet (dem Realschulabschluss) keinerlei Rolle. Dafür wird es für das Baccalauréat (dem Abitur) als essenzieller angesehen. Sowohl in der Première als auch in der Terminale werden Prüfungen geschrieben, die für den Erhalt der Hochschulreife wichtig sind. Dabei bauen diese Prüfungen auf den vier zentralen Kompetenzen auf. In der Première wird im zweiten Trimester eine Prüfung zum Hör- oder Hörsehverstehen geschrieben. Im dritten Trimester des selben Schuljahres schreiben die Schüler*innen dann eine Prüfung zum Leseverstehen und dem schriftlichen Ausdruck. Im Rahmen der Terminale werden dann in einem Zeitbereich Prüfungen zum Hör- oder Hörsehverstehen, Leseverstehen, Schreiben und Sprechen abgelegt. Neben den generellen Noten im Fach spielen also auch diese Prüfungen eine nicht unerhebliche Rolle im Erhalt der Hochschulreife. 

Sprachtests

Neben diesen generellen Evaluationen im Rahmen des Unterrichts gibt es auch noch weitere Sprachtests, die die Lernenden zu absolvieren haben. In der Troisième und der Sixième haben unsere Schüler*innen seit 2019 den Cambridge-Test abzulegen. Aufgrund der Kosten, die die Schule trägt, wird derzeit jedoch untersucht, ob sich dies wirklich lohnt und ob die Schüler*innen nicht viel eher zu einem späteren Zeitpunkt ihrer Schullaufbahn entscheiden sollen, ob sie diese Prüfung individuell ablegen möchten. 

Seit diesem Jahr (2022) haben die Schüler*innen der Troisièmeeinen Englisch-Positionierungstest abzulegen haben: Ev@lang. Dieser testet die drei Bereiche Hörverstehen, Leseverstehen sowie Vokabular und Grammatik. Er wird ausschließlich am Computer absolviert und die Schüler*innen erhalten nach ein paar Wochen ihre Resultate in Form eines Informationsblatts. Es könnte sein, dass der verpflichtende Cambridge-Test im Verlauf der Troisième zu Gunsten Ev@langs aufgegeben wird. Da mir die Vorbereitung auf den Cambridge-Test oft viel Spaß macht, hoffe ich dies nicht. Bleibt abzuwarten, wie die Schule entscheiden wird. Zuletzt ist festzuhalten, dass die Ergebnisse beider Tests keinerlei Einfluss auf die Zeugnisnoten der Schüler*innen haben. 

Das generelle Niveau

Das Klischee hält sich hartnäckig

Das grundlegende Englischniveau der Schüler*innen entspricht mehrheitlich leider den Klischees. Diese besagen, dass Französisch Muttersprachler*innen sich meist viel mehr auf ihre eigene Sprache berufen und sich wenig für das Englische interessieren. Das Niveau der Schüler*innen hier erfahre ich vergleichsweise als sehr viel niedriger als das in Deutschland. Ich kann also nicht unbedingt dasselbe erwarten wie an deutschen Schulen.

Glücklicherweise gibt es aber auch nicht wenige Lernende, die ein großes Interesse an der Sprache zeigen. Vielfach konsumieren sie auch außerhalb der Schule Medien in englischer Sprache. Noch dazu haben einige Schüler*innen bereits im englischsprachigen Ausland gelebt oder sind zumindest dorthin gereist. Nichtsdestotrotz erlebe ich auch immer wieder Lernende, die ihre gesamte Schullaufbahn an derselben Schule verbracht haben und in der Oberstufe immer noch keinen geraden Satz in der Sprache herausbringen können. 

Das zu erreichende Sprachniveau am Ende des Collèges (neunte Klasse) ist A2, in der Seconde B1 (zehnte Klasse), um dann zum Ende der Terminale das Niveau B2 (zwölfte Klasse) zu erreichen. In den Deutschland hingegen sollen die Schüler*innen am Ende der Sekundarstufe 1 (10. Klasse) das Niveau B1+ erreicht haben, in Teilen sogar das Niveau B2. In der Studienstufe (meist 11. und 12. Klasse) wird das Niveau B2, in einigen Bereichen sogar das Niveau C1 angestrebt. Es zeigt sich also, dass die Erwartungen in Deutschland höher sind.

Ansprüche der Schulleitung

Ich erkenne allerdings ein zunehmend großes Interesse seitens unserer Schuldirektion, das Englische mehr in den Vordergrund stellen zu wollen. So wird vermehrt schon in den unteren Klassenstufen geschaut, welche Schüler*innen besondere Unterstützung benötigen, um das Versäumte aufzuholen. Allerdings kann auch die Schulleitung nicht viel gegen offiziell aus Frankreich kommunizierte Vorgaben bewirken. So reduziert sich nämlich die Stundenanzahl der Fremdsprachen zunehmend in der Oberstufe.

Während im Collège und auch in der Seconde (zehnte Klasse)noch drei bis vier Stunden für den Englischunterricht zur Verfügung stehen, so wird dies in den letzten beiden Schuljahren zunehmend weniger. In der Première sind dies 2,5 Stunden pro Woche. Dabei wird im Wechsel unterrichtet: In einer Woche haben wir eine Klasse zwei, in der nächsten drei Stunden. Im letzten Lernjahr haben die Schüler*innen dann nur noch zwei Stunden Englisch pro Woche. Ich bin nicht allein mit der Meinung, dass dies zu wenig ist, um wirklich einen Fortschritt in einer Sprache zu erreichen.

Abschließend…

Zu guter Letzt lässt sich festhalten, dass sich der Englischunterricht des französischen und des deutschen Schulsystems im Bezug auf die Kompetenzen nicht so sehr unterscheidet. Wie sich gezeigt hat, sind viel mehr die Erwartungshaltungen beider Systeme unterschiedlich. Dies ist beispielsweise bezüglich des erwarteten Sprachniveaus zum Ende einer bestimmten Klassenstufe zu erkennen. Gleichzeitig lässt sich nach wie vor erkennen, dass speziell im Collège anderen Fächern der Vorzug gegeben wird, da das Englische noch nicht einmal Teil der Abschlussprüfung ist. Ich erkenne glücklicherweise dennoch ein zunehmend steigendes Interesse am Englischen als international zentraler Sprache. Somit werde ich auch in der Zukunft mit großem Interesse beobachten, wie sich die Rolle des Englischen im französischen und ivorischen Schulsystem weiterentwickeln wird.

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